//„Hoffen und Wünschen ist nicht genug“ – Madhav Chinnappa zur Zukunft des Journalismus

MC picture kleinWann Google News gegründet wurde? Madhav Chinnappa weiß es selbst nicht ganz genau. Daraus macht der Head of Strategic Relations, News and Publishers im Gespräch mit OSK keinen Hehl. „Moment, ich google es“, sagt Chinnappa und lacht. Dann entschuldigt er sich freundlich. Seine Expertise macht den 44-Jährigen interessant, die ungekünstelte Art zu sprechen sympathisch. Und dass es Google News im Entwicklungsstadium seit 2002, final seit 2006 gibt, lässt sich ja schnell recherchieren. Schließlich gehört die Seite, ungehindert der Kritik in puncto Leistungsschutzrecht, zu den innovativsten unserer Zeit.

Die erste Idee zu Google News, das Chinnappa gern als Nachrichten-Verstärker bezeichnet, stammt von Krishna Bharat. Er entwickelte den Dienst, weil er sich unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September eine bessere Übersicht der Berichterstattung wünschte. Mittlerweile soll Google News auch dazu dienen, mehr Traffic auf die weltweit rund 65.000 Plattformen zu lenken, deren Artikel im Stream geteilt werden.

Daran arbeitet Chinnappa, der im August 2010 zu Google kam, mit Projekten wie der Digital News Initiative (DNI). Gemeinsam mit Partnern wie dem Spiegel, der Zeit, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung, der Bauer Media Group und weiteren Medienhäusern hat Chinnappa es sich zum Ziel gesetzt, die Zukunft des digitalen Journalismus zu gestalten und gemeinsame Potenziale zu nutzen.

Auf die Frage, wie denn sein Arbeitsalltag bei Google so aussehe, antwortet er mit britischem Understatement: Alles, was er tue, erklärt der Journalismus-Experte, sei recherchieren, mit Medien sprechen und verhandeln – und selbstverständlich die Weiterentwicklung der eigenen Plattform. Dabei komme es vor allem darauf an, gut zuhören zu können und flexibel zu sein.

Seit 1994 arbeitet der Wahl-Londoner im Nachrichten-Geschäft. Zunächst im Launch-Team von Associated Press Television (APTV), später neun Jahre lang bei BBC News. Für ihn ist Nachrichtenmachen ein kreativer Prozess. Und obwohl er lächelnd betont, dass ihm für einen präzisen Blick Richtung Zukunft die Kristallkugel fehle, vermittelt der Google-Mann im Interview ein ebenso kluges wie fundiertes Bild zur Entwicklung des Journalismus. Einer Entwicklung, die laut Chinnappa vor allem auf seiner liebsten Kerneigenschaft beruht: der Experimentierfreude.

Madhav Chinnappa
Head of Strategic Relations, News and Publishers bei Google

LinkedIn: Madhav Chinnappa

1. Wie zeichnet sich Qualitätsjournalismus in Zukunft aus und was schadet ihm?

Qualitätsjournalismus hängt meines Erachtens nach von drei wichtigen Faktoren ab: von Originalität, von Relevanz und Zufall. Wobei Relevanz und Zufall in gewisser Weise verknüpft sind. Während meiner Zeit bei der BBC habe ich über die Auswahl von Themen oft den Satz gehört: “Make the important interesting and the interesting important.” Gute Inhalte können sich sowohl über den News-Wert als auch über den Unterhaltungswert definieren. Beides erzeugt Relevanz. Und nur mit Relevanz schafft man eine Verbindung zum Publikum – egal ob dieses Publikum nun aus Lesern, Zuhörern, Zuschauern oder Internet-Nutzern besteht. Doch das Element des Zufalls – gemeint ist hier, dass Leser zufällig über einen Beitrag stolpern – ist ebenso wichtig, denn niemand von uns weiß alles, was er wissen sollte. In Zeiten von immer stärker personalisierten Newsfeeds bekommen die User häufiger nur noch Themen angezeigt, die der Algorithmus für sie „auswählt“. Dabei kann ein Thema unter den Tisch fallen, obwohl der Leser den Content als relevant für sich einstufen würde. Zufällig entdeckt der User es dann doch im Netz. Diese Komponente wird wichtig bleiben.

Dem Qualitätsjournalismus schaden kann vieles. Zensur zum Beispiel. In vielen Ländern gibt es sie leider immer noch. Gefährlich ist außerdem fehlender Wahrheitsgehalt. Menschen, die Geschichten erfinden, und andere, die solche Geschichten einfach kopieren und weiterverbreiten, fügen dem Journalismus erheblichen Schaden zu. Und letztendlich macht auch fehlende Experimentierfreude Medien schlechter. Qualitativ hochwertiger Journalismus ist für mich nichts Statisches, sondern etwas, was sich immer weiterentwickelt.

Deshalb haben wir bei Google die Digital News Initiative gegründet. Zusammen mit den Verlegern wollen wir experimentieren, uns Herausforderungen stellen und nachhaltige Modelle für besonders anspruchsvollen Qualitätsjournalismus finden.

Wenn ich Social Media sage, meine ich übrigens Facebook.

2. Was sind die großen Trends im Journalismus und was wird sich davon künftig durchsetzen?

Für mich gibt es da genau zwei Trends, möglicherweise drei – wobei es sich beim dritten um Mobile handelt, und das ist definitiv mehr als „nur“ ein Trend. Mobile ist natürlich schon jetzt ein riesiger und wichtiger Faktor für die Art und Weise, wie wir Inhalte konsumieren.

Die anderen beiden Trends sind Social Media und etwas, was ich Distributed Content nenne. Wenn ich Social Media sage, meine ich übrigens Facebook. Denn Facebook ist so etwas wie der 800-Pfund-Gorilla in diesem Feld, und das ansteigende Wachstum ist unglaublich interessant. Es bringt einige Herausforderungen mit sich und gleichzeitig auch wahnsinnig viele Möglichkeiten. Es ist schon erstaunlich, dass es für dein gesamtes Publikum möglich ist, deine Arbeit durch Social Media zu teilen.

Mit Distributed Content, dem anderen großen Trend, den ich sehe, kann man auf verschiedenen Plattformen Inhalte entdecken und konsumieren – auch wenn es sich bei diesen Plattformen nicht um die Seiten handelt, auf denen die Inhalte ursprünglich zur Verfügung gestellt wurden. Ich denke da an Facebook Instant Articles, Snapchat Discover, Google Play Newsstand oder Apple News. Diese Möglichkeiten komplett auszuschöpfen wird eine spannende Aufgabe.

Vor wenigen Tagen hat Google den Start des Accelerated Mobile Pages Project (AMP) verkündet. Dabei handelt es sich um eine Open-Source-Initiative, die helfen soll, das mobile Web für Nutzer schneller zu machen und Publishern mehr Kontrolle über ihre Inhalte zu geben. Untersuchungen haben gezeigt, dass 40 Prozent der Nutzer eine Seite sofort wieder verlassen, wenn deren Aufbau länger als fünf Sekunden dauert. Wir wollen das Internet bewahren – bei Google glauben wir an das Internet. Wir haben Partner wie Pinterest und Twitter, aber auch Medienunternehmen wie die New York Times, den Guardian und die BBC, die an die Zukunft des Webs glauben. Mobile kann man AMP derzeit in einer Testumgebung ausprobieren. Wir stehen mit dem Projekt gerade erst am Anfang, noch ist es eine Entwickler-Vorschau, aber wir sind sehr gespannt auf die Möglichkeiten, die sich ergeben werden.

3. Wie und wo recherchieren Sie nach guten und spannenden Inhalten?

Da gibt es viele Wege: Ich persönlich informiere mich zum Beispiel morgens über das Radio, auf dem Weg zur Arbeit lese ich verschiedene News-Apps. E-Mail-Newsletter konsumiere ich aktuell auch sehr gerne. Über den Tag verteilt bin ich dann im Netz unterwegs, klicke mich durch verschiedene Seiten. Abends schalte ich dann für die Nachrichten manchmal den Fernseher ein, aber von allen Medien sinkt mein TV-Konsum am stärksten.

Schon an meinem Beispiel sieht man: Die Verbreitungsmöglichkeiten sind vielfältiger und die Verbreitungswege direkter geworden. Die Hauptherausforderung liegt bei der Recherche. Es gilt generell herauszufinden, welche Nachrichten echt sind und welche nicht. Wie wir wissen, laden beispielsweise Konfliktparteien in Kriegsgebieten ihre Videos heute selber auf YouTube und anderen Seiten hoch. Und nur weil etwas auf YouTube steht, heißt das noch nicht, dass es echt ist. Daher hat YouTube in Zusammenarbeit mit Storyful die Plattform YouTube Newswire gegründet. Dort werden Augenzeugen-Videos von Experten verifiziert und anschließend veröffentlicht.

Grundsätzlich müssen Journalisten Inhalte nach wie vor bei jeder Recherche verifizieren und auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen, bevor sie diese in einen klaren Kontext setzen können – egal ob sie auf Online-Video-Plattformen, auf Facebook oder in der Zeitung recherchieren. Die Informationsflut ist demnach ein zweischneidiges Schwert. Zwar stehen uns so viele Informationen wie noch nie zur Verfügung, aber dadurch wird es umso wichtiger, an den journalistischen Grundprinzipien festzuhalten.

4. Was muss man als Journalist künftig tun und können, um gelesen und wahrgenommen zu werden?

Im Gegensatz zu früher muss man dafür heute nicht mehr zwangsläufig in den traditionellen und etablierten Nachrichten-Formaten veröffentlicht werden. Stattdessen gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Dank Technologien, die für jedermann verfügbar sind, kann jeder individuell in die ganze Welt berichten. Journalisten können so ihren eigenen Namen als Marke etablieren. Viele benutzen Plattformen wie Twitter als ihre eigene Stimme – auch unabhängig von den Organisationen, für die sie eigentlich arbeiten. Ich weiß von Journalisten und Bloggern, die ihre Profile via Twitter und Social Media gestärkt haben und daraufhin von größeren Organisationen an- beziehungsweise abgeworben wurden. Das ist einerseits ein Fortschritt. Auf der anderen Seite müssen Journalisten heute aber natürlich auch sehr viel härter arbeiten, um relevant für ihre Leser, Zuschauer, Hörer oder User zu sein. Die Erwartungen an Geschwindigkeit, Tiefe, aber auch an Integrität sind für Journalisten immens gestiegen.

// Über #ZukunftDesJournalismus

Mobiles Internet, immer leistungsfähigere Smartphones, neue Nachrichtendienste: Die Medienlandschaft verändert sich rasant und mit ihr der Journalismus. Viele Fragen bewegen die Branche: Ist die Tageszeitung ein Auslaufmodell, weil die jüngeren Zielgruppen aktuelle Nachrichten nur noch auf mobilen Endgeräten konsumieren? Erledigen bald Schreibroboter typische Routineaufgaben und machen damit einen Teil der Redakteure überflüssig? Mit welchen neuen journalistischen Darstellungsformen können Menschen erreicht werden, die immer weniger lesen und nur noch Bilder anschauen? Gemeinsam mit Journalisten und Medienmachern aus ganz unterschiedlichen Richtungen wagt OSK einen Blick in die Zukunft des Journalismus. Das Prinzip ist immer das gleiche: acht Fragen, acht Antworten. Stück für Stück entsteht so ein Bild, das belastbare Aussagen zu entscheidenden Trends von morgen und übermorgen ermöglicht.

5. Die technologischen Veränderungen sind rasant – wie müssen sich vor diesem Hintergrund der Journalismus verändern und dessen Anbieter anpassen?

Die Macht liegt beim Publikum. Die Erwartungen sind wirklich sehr, sehr hoch. Um sie zu erfüllen, müssen Medienmacher, wie bereits gesagt, relevante Inhalte kreieren und liefern – und natürlich müssen sie sich auch technologisch immer weiter entwickeln, weiter anpassen und weiter experimentieren. Meines Erachtens sollten Nachrichten-Organisationen dabei noch sehr viel früher anfangen, mit technologischen Anbietern zusammenzuarbeiten. Hoffen und Wünschen ist nicht genug: Einfach davon auszugehen, dass die Rezipienten schon von allein kommen werden, ist mittlerweile absolut zu kurz gedacht. Gerade Nachrichtenorganisationen müssen ganz gezielt strategische Entscheidungen treffen. Um das zu können, muss man verstehen, warum die Leute bestimmte Plattformen nutzen und was diese Plattformen ihnen bieten können – auch wenn es für einen selbst zunächst vielleicht nicht nachvollziehbar ist.

Beispiele für Medienunternehmen, die sich gut an die Entwicklungen anpassen und weiterentwickeln, sind zum einen die Großen wie der Guardian und die New York Times. Aber auch andere wie La Stampa aus Italien oder die NZZ aus der Schweiz haben sich für die Themen Digitales und Technologie auf spannende Weise geöffnet.

Wir befinden uns noch immer in einem Zustand rasenden Fortschritts. Was in Sachen Technologie in Zukunft auf uns zukommt, ist bei dem Tempo, in dem sich die Dinge aktuell entwickeln, sehr schwer abzusehen. Nehmen wir das Beispiel Distributed Content: Kanäle wie Facebook Instant Articles, Snapchat Discover oder Apple News haben vor einem Jahr noch nicht mal existiert. Welche Möglichkeiten es in einem Jahr gibt, kann ich daher nicht voraussagen.

6. Wie verdient der Großteil der Medien künftig Geld?

Oh, jetzt haben Sie mir eine der aktuell schwierigsten Fragen im Journalismus gestellt. Und ganz ehrlich gesagt: Ich glaube nicht, dass es darauf die eine perfekte Antwort gibt.

Bisherige Geschäftsmodelle basierten in erster Linie auf dem kontrollierten Zugang zu Informationen. Der Fortschritt der Technologie hat den Zugriff auf Informationen demokratisiert. Daher denke ich, dass wir zu ursprünglicheren Ansätzen mit vielen Ertragsströmen und parallelen Erlösquellen zurückkehren werden.

Abgesehen davon liegt der Schlüssel zum Erfolg meiner Meinung nach aber vor allem darin, sich weiterzuentwickeln und Experimente zu wagen. Man muss unbedingt relevant bleiben – auch um Geld zu verdienen. Und das schafft man mit differenziertem Service, mit einzigartigen Erfahrungen und mit einem hohen Mehrwert für das Publikum.

Ob wir unser Publikum zukünftig erreichen, hängt davon ab, wie experimentierfreudig wir sind – oder eben nicht sind.

7. Wie sehen Ihrer Ansicht nach journalistische Inhalte und die Angebotslandschaft in fünf Jahren aus?

Genau wie jetzt und trotzdem ganz anders (lacht). Ernsthaft! Bestimmte Elemente werden die gleichen wie heute sein. Zum Beispiel glaube ich, dass es immer einen Redakteur brauchen wird: jemanden, der die ganze Nachrichtenflut analysiert und umgängliche, bekömmliche Häppchen daraus macht.

Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass vieles anders sein wird, zum Beispiel in Bezug auf die Endgeräte. Ob es dabei jetzt um Nachrichten auf Uhren oder um andere ähnliche Fortschritte geht, kann ich nicht genau sagen. Ob wir unser Publikum zukünftig erreichen, hängt davon ab, wie experimentierfreudig wir sind – oder eben nicht sind. Unser Verhältnis zu Endgeräten ist eine weitere Sache, die sich stetig verändert. Vor ein paar Jahren zum Beispiel hätte ich mir niemals vorstellen können, dass wir Bücher mal auf dem Smartphone lesen würden. Heute ist das nichts Ungewöhnliches mehr. Daher glaube ich, dass sich nicht nur die Endgeräte verändern, sondern dass wir unser Verhalten an diese Veränderungen auch anpassen.

8. Welches Medium fehlt heute noch auf dem Markt?

Aus Audio kann man noch viel mehr rausholen! Ich halte das für ein fantastisches Medium – und finde es überraschend, dass Audio-Nachrichten nicht beliebter sind. Oder habe ich das vielleicht nur noch nicht wahrgenommen? Ich liebe Audio-News, weil ich sie konsumieren kann, während ich andere Dinge tue. Jeden Morgen höre ich Radio, wenn ich mich für den Tag fertigmache. Und ich würde sehr gerne auf dem Weg zur Arbeit News hören, die auf mich zugeschnitten sind. Mit Audio-Content ist noch vieles möglich.

Hier gelangt ihr zu den anderen Teilen der Serie #ZukunftDesJournalismus.

Dieser Artikel wurde vor mehr als einem Jahr veröffentlicht. Sein Inhalt ist möglicherweise nicht mehr aktuell.

Managing Director

Michael Kemme ist Geschäftsführer bei Oliver Schrott Kommunikation. Seit 20 Jahren berät und betreut er Automotive-, Technologie- und Industrie-Unternehmen an der Schnittstelle von PR, Kommunikation und Marketing. Für den OSK Blog schreibt er über die Agenturwelt und den Medienwandel. Dabei greift er aktuelle Themen und Aspekte auf, die ihm im Rahmen seiner Arbeit für internationale Kunden und Marken begegnen. Michael Kemme ist Langstreckenläufer, Fußballfan und Tablet-Heavy-User. An Wochenenden ist er mit seinem Golden Retriever am Rhein unterwegs.

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