//Apps in China – wie WeChat und Co zum Browser der digitalen Welt werden

Apps in China 2

Eine Festnetznummer? Das ist in China nicht nur ein Relikt aus alten Zeiten. Kaum jemand hat je einen Festnetzanschluss besessen. Das Smartphone ist für viele Nutzer das erste Telefon, aber auch ihr erster Rechner und Laptop. Leapfrogging, also Hüpfen wie ein Frosch, nennt man das Phänomen, bei dem Nachzügler Technologien überspringen und sich direkt an die Spitze neuer Entwicklungen setzen. In China ist genau das in vielen digitalen Bereichen passiert. Die wenige Zoll großen Handys sind für Nutzer meist das erste und wichtigste Tor zur digitalen Welt. Beschleunigt haben diesen Trend die Alleskönner-Apps, die ihre Dienste zu eigenständigen Ökosystemen ausgebaut haben. Pionier und Vorbild dieses Trends:

WeChat von Tencent

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Der Gründungsmythos des in China größten sozialen Netzwerks geht auf den Ehrgeiz eines Mannes zurück: Ma Huateng. In den 1990er-Jahren studierte der heute 46-Jährige Informatik in der südchinesischen Stadt Shenzhen und stieß dabei 1998 auf den von einer israelischen Firma entwickelten Messenger ICQ, der von 1998 an AOL gehörte und stets ein charakteristisches lang gezogenes Ah-oh ausstieß, um eine neue Nachricht anzukündigen. Da es keine chinesische Version des Programms gab, setzte sich Ma an die Entwicklung eines eigenen Messengers. Nach nur einem Jahr hatte das Programm, das anfangs OICQ hieß und später in QQ umbenannt wurde, bereits fünf Millionen Nutzer. 2017 waren es 783 Millionen.

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Trotz des anfänglichen Erfolgs: Mas Hunger war noch lange nicht gestillt. 2011 wollte er – damals bereits uneinholbar an der Spitze der Messenger-Welt in China – einen neuen Dienst entwickeln. Um nicht an alten Ideen festzuhalten, gründete er ein unabhängiges zweites Team, das an der neuen App arbeiten sollte. Der Name: WeChat. Sieben Jahre später hat die App 1,04 Milliarden Nutzer weltweit – und legt weiter zu. Von Anfang 2017 bis Mitte 2018 wuchsen die Nutzerzahlen allein um 11 Prozent. Der Messenger ist nicht mehr nur ein Programm zum Versenden von Kurznachrichten. Jeder Nutzer hat ein Konto wie bei WhatsApp. In der Anwendung gibt es aber weit mehr Möglichkeiten als beim amerikanischen Konkurrenten. Neben dem Schicken von Nachrichten können Nutzer mit der App bezahlen, Reisen buchen, Tickets reservieren, Nachrichten lesen, Essen bestellen und Taxis rufen. Viele Chinesen nutzen die App auch zum Spielen. Über 80 Prozent der Programme innerhalb von WeChat sind sogenannte Mini Games, für die die Nutzer WeChat nicht verlassen müssen. Die zahlreichen Anwendungen, die in der App integriert sind, machen diese zum Browser der neuen mobilen Welt in China. Mutterfirma Tencent ist aktuell rund 353 Milliarden Dollar wert.

Sina Weibo

Das zweite einflussreiche soziale Netzwerk neben WeChat ist die Kurznachrichtenplattform Sina Weibo, Chinas größter Mikroblogging-Dienst. Dort diskutieren Nutzer über aktuelle Geschehnisse und Popkultur. Die Zeichenzahl ist wie früher bei Twitter auf 140 Schriftzeichen begrenzt. 2009 gegründet, hatte die Plattform Anfang 2018 rund 411 Millionen Nutzer. Ein Plus von satten 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Nutzer können auf der Plattform ihren Idolen folgen, eigene Beiträge posten, Videos sehen und Nachrichten lesen. Die Timeline erinnert an die von Facebook. Ähnlich wie auf WeChat können Firmen eigene Kanäle betreiben oder auf Influencer setzen, um für Produkte und Dienstleistungen zu werben. Die Marktkapitalisierung des Unternehmens, das zu dem chinesischen Konzern Sina Corporation gehört, liegt bei rund 19,6 Milliarden Dollar.

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Toutiao

WeChat und Sina Weibo haben sich in den vergangenen Jahren zu Flaggschiffen des chinesischen Ökosystems entwickelt. Im Ausland bisher weitgehend unbekannt ist Toutiao. Vor sechs Jahren hatte der chinesische Gründer Zhang Yiming die Idee einer App für Nachrichten, die mithilfe von Algorithmen das Nutzerverhalten auswählt und analysiert und daraufhin jedem Nutzer individuell aktuelle Nachrichten anzeigt. Der damals 29 Jahre alte Software-Entwickler trat mit der Idee und seiner kleinen Firma ByteDance gegen Firmen wie Google und Tencent an – und war erfolgreich. Inzwischen ist das Unternehmen laut des Marktforschungsunternehmens CB Insights fast 75 Milliarden Dollar wert – mehr als Fahrvermittler Uber – und soll gut 172 Millionen Nutzer haben.

Auf der Startseite der App, die mit der Timeline von Facebook vergleichbar ist, laufen Texte und Videos ein. Am Fuß der App können Nutzer zwischen der Startseite mit ihrer Timeline, der Videoplattform Xigua Video und Wei Toutiao, einem Kurznachrichtendienst vergleichbar zu Weibo, wechseln. Zhang bezeichnet seine App selbst nicht als Nachrichtenseite, sondern als ein soziales Netzwerk. ByteDance gehören auch die Kurzvideoplattformen Douyin beziehungsweise Tik Tok, BuzzVideo und Vigo Video. Im November 2017 übernahm Zhang zudem die App musical.ly, bei der die Nutzer die Lippen synchron zu Playback-Songs bewegen. 100 Millionen Nutzer hat die App, darunter auch viele in Deutschland. Für 800 Millionen Dollar soll sich Gründer Zhang den Dienst – und damit die Daten vieler internationaler Nutzer – gesichert haben.

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Teil des Messenger- und Nachrichtenkosmos in China ist immer auch die Zensur. In den vergangenen Jahren hat Chinas Staatspräsident Xi Jinping die Kontrolle der Medien verstärkt und die Zensurvorschriften verschärft. Anonymität im Netz ist weitestgehend untersagt. Nutzer müssen sich mit Klarnamen und Handynummer in Netzwerken anmelden, damit ihre Beiträge zurückverfolgt werden können. Jeder Text und jedes Video kann genauso schnell verschwinden, wie es veröffentlicht wurde. Über zwei Millionen Zensoren sollen jeden Tag das Internet nach verbotenen Nachrichten durchkämmen. Dazu setzt die Regierung zunehmend auch auf spezielle Software, welche in den Netzwerken gepostete Bilder beim Hochladen automatisch scannt und löscht, sollten darauf verbotene Inhalte zu sehen sein.

Die komplette Serie mit allen bisher erschienen Teilen der Reihe finden Sie hier.

 

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Head of Digital Media

Oliver Nermerich ist Kommunikationswissenschaftler und lebt im Internet. Bei OSK arbeitet er als Manager Online/Social Media und entwickelt kundenübergreifend Strategien, Auftritte und Kampagnen für das Internet und mobile Anwendungen. Auch privat dreht sich bei ihm alles um die digitale Welt: Er gehört zum Autorenteam des Lifestyle-Blogs Whudat.de und betreibt mit Freunden das Rolling-Magazin "Be-Mag". Sein Smartphone gibt er nur aus der Hand, wenn er auf sein Board steigt und an der Algarve die nächste Welle surft. Für das OSK Blog spürt er die neuesten Trends und Entwicklungen im Netz auf und spricht mit Meinungsmachern und Digital Influencern.

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