//Virtual Reality als Beweisstück im Journalismus

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Meterhohe Stahlwände, überall rot blinkende Schalter und Hebel, zu meiner Rechten ein abgrundtiefer Schacht – und es liegt in meinen Händen, die Welt vor einer nuklearen Katastrophe zu bewahren. Mit zittrigen Händen trage ich den atomaren Kern durch den Reaktorraum, um ihn zu sichern. Beinahe hätte ich ihn fallen lassen. Die Uhr tickt. Doch nach ein paar Minuten ist die Mission erfolgreich abgeschlossen. Ich atme tief durch, setze die VR-Brille ab, verlasse die Virtual Reality und kehre zurück in die Congress Hall der Koelnmesse.

Auf der Konferenz digility (22.–23. September) drehte sich zwei Tage lang alles um die virtuelle Realität. VR-Experten aus der ganzen Welt trafen sich in Köln, um sich über Virtual and Augmented Reality auszutauschen. Mich interessierte besonders ein Thema: Welche Chancen bietet diese Technologie dem Journalismus? Was muss geschehen, damit sie sich als Storytelling-Tool durchsetzt? Nachdem ich meine erste VR-Erfahrung hinter mich gebracht und die Welt gerettet hatte, war ich bereit, dieser Frage auf den Grund zu gehen. Denn über Virtual Reality zu schreiben, ohne es ausprobiert zu haben – das ist unmöglich.

Über Virtual Reality zu schreiben, ohne es ausprobiert zu haben – das ist unmöglich. via @OSK_Germany Click To Tweet

Darum ging es auch in dem Panel „Immersive Media in Journalism“. Moderator Matthias Bastian, CEO der VRODO GbR, leitete die Diskussionsrunde mit VR-Experten und Redakteuren verschiedener Medien – von der Süddeutschen Zeitung über den Westdeutschen Rundfunk bis zum Tech-Magazin c’t. Um Virtual Reality erklären zu können, muss man sie selber erlebt haben – und bestenfalls auch der Leser. Darüber sind sich auch die Experten einig.

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Gibt es schon VR-Journalismus – oder nur 360-Grad-Videos?

Eine grundsätzliche Frage stand gleich zu Beginn des Panels im Raum: Gibt es VR-Journalismus überhaupt schon? Oder sind die im Web verbreiteten 360-Grad-Videos nur ein erster Meilenstein auf dem Weg dorthin? Der Unterschied zwischen den beiden Techniken: Um in die virtuelle Realität einzutauchen, braucht der Zuschauer eine VR-Brille, die über einen nahe am Auge befindlichen Bildschirm verfügt, der das Sichtfeld komplett abdeckt. Beispielsweise kann dazu das Display eines Smartphones genutzt werden. Die Brille registriert Kopfbewegungen und passt Foto- oder Videoaufnahmen entsprechend an. Lutz Knappmann, Head of Editorial Innovation bei der Süddeutschen Zeitung, erklärt, weshalb die SZ ausgewählte Reportagen inzwischen in Virtual Reality oder 360-Grad-Videos erzählt.

Man experimentiere derzeit in erster Linie mit dem „VR-Vorläufer“, den Rundum-Videos. Wie der Name schon sagt, bietet das 360-Grad-Video einen Rundumblick. Es wird mit einem Kugel-Kamerasystem aufgenommen, das eine Szene in allen Richtungen gleichzeitig filmt. So werden ganz neue Perspektiven geschaffen und der Zuschauer kann sich beispielsweise umdrehen. Die Zeitung möchte auf diese Weise herausfinden, was bei den Zuschauern ankommt und für welche Themen diese Art von Medium geeignet ist. „Wir möchten einen ersten Eindruck davon vermitteln, wozu wir jetzt schon in der Lage sind und wohin die Reise gehen wird“, sagt Knappmann. Er ist sich sicher, dass es ein Publikum für dieses Format gibt.

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Jan-Keno Janssen, Redakteur beim Fachmagazin c’t, teilt die Begeisterung für 360-Grad-Videos nur bedingt. Ihm fehle das mehr oder weniger „wirkliche Eintauchen“ in die Situation, die Möglichkeit, sich durch eine virtuelle Welt zu bewegen. Außerdem seien die Kameras derzeit noch zu schlecht. Seiner Meinung nach bestehe die Gefahr, dass Virtual Reality in 360-Grad-Videos ende und sich nicht weiterentwickle. Lucas Matney vom amerikanischen Magazin TechCrunch macht sich darüber keine Sorgen. Er betrachtet 360-Grad-Videos lediglich als ein „short-term medium“, das zwar leichter zugänglich, aber dafür weniger intensiv und daher nicht vergleichbar sei.

Beweisstücke des Journalismus

Ein praktisches Beispiel gab Julia Leeb, freie Journalisten, die im Rahmen des Panels von ihrer Kongo-Reise berichtete. Im Osten des Landes, wo Rebellen herrschen und sich selbst UN-Soldaten nicht hin wagen, drehte sie 360-Grad-Videos. Den Menschen in Deutschland fehle es zunehmend an Vertrauen in den Journalismus, glaubt Leeb. Deshalb müsse man neue Wege finden, den Zuschauer mit auf die Reise zu nehmen. Ihm zeigen, dass man wirklich vor Ort war und reale Zustände dokumentiert – ohne zu verschleiern, ohne zu beschönigen. „Virtual Reality wird zum Beweisstück und zu einer Art Erweiterung des Journalismus“, sagt Leeb. „Zustände wie im Kongo müssen gezeigt werden – real und aus nächster Nähe. Ich denke, VR kann einiges in den Köpfen der Zuschauer bewirken.“

„Virtual Reality wird zum Beweisstück und zu einer Art Erweiterung des Journalismus.“ via @OSK_Germany Click To Tweet

„360-Grad-Videos zeigen das, was wirklich da ist, Virtual Reality hingegen das Unmögliche“, sagt Jan-Keno Janssen und bringt den entscheidenden Unterschied auf den Punkt „Mit VR hat man zum Beispiel die Möglichkeit, in eine Grafik einzusteigen. So kann man komplizierte Daten unterhaltsam aufbereiten.“ Dennoch sehe er nach dem großen Hype zu Beginn nun einen Abwärtstrend. Das größte Problem sei, dass viele bisher noch nicht die Chance hatten, sich selber ein Bild davon zu machen. Kaum einer habe eine Holo lense oder Oculus Rift zu Hause. Die teure Hardware verhindere, dass VR massentauglich wird.

„360-Grad-Videos zeigen das, was wirklich da ist, Virtual Reality hingegen das Unmögliche.“ via @OSK_Germany Click To Tweet

“Nachrichten in VR sind keine Disney-Produktion”

Nonny de la Peña ist Vorreiterin des VR-Journalismus, die „Godmother of Virtual Reality“. 2014 stellte die US-amerikanische Reporterin ihr Project Syria vor, das den Zuschauer mitten in das Kriegsgeschehen in Syrien versetzte. Ihrer Meinung nach könne die „empathy machine” VR den Journalismus sowie die Art und Weise, wie Zuschauer Nachrichten erleben, revolutionieren. Auf der digility wurde ihr Projekt beispielhaft mit der Frage verbunden, inwiefern Virtual Reality Empathie bewirken könne und sollte. Lutz Knappmann begrüßt es, den Zuschauer auch mit schwierigen Situationen zu konfrontieren, ihn beispielsweise an Bord eines schiffsbrüchigen Flüchtlingsboots mitzunehmen. Auf diese Weise behalte er das Erlebnis länger im Kopf.

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t3n-Chefredakteur Luca Caracciolo glaubt, dass VR in Deutschland auch durch die „German Angst“ ausgebremst wird. VR würde als „Gamer“-Technologie abgetan, viele Artikel endeten mit einem besorgten Blick in die Zukunft. Natürlich müsse man sich auch fragen, was man seinen Zuschauern zumuten kann. Nicht für jeden sei es eine angenehme Vorstellung, mit in ein Kriegsgebiet einzutauchen, weiß WDR-Reporter und VR-Fachmann David Ohrndorf: „Nachrichten in Virtual Reality sind eben keine Disney-Produktionen.“

„Nachrichten in Virtual Reality sind keine Disney-Produktionen.“ via @OSK_Germany Click To Tweet

Durch VR gewinnt Journalismus an Subjektivität

Auch der Beruf des Journalisten verändert sich, darin sind sich die Experten einig. Der Job verlange inzwischen ein sehr umfangreiches technisches Know-how, um moderne Technologien zu nutzen und bessere Geschichten zu erzählen. Besonders für spezialisierte Journalisten sieht Caracciolo eine große Chance, Nachrichten lebendiger zu vermitteln, unter anderem im Bereich Wirtschaft. Nachrichten seien seit der Erfindung des Journalismus objektiv, und das werde auch so bleiben. Nutze man Virtual Reality jedoch beispielsweise für Reportagen, mache dies den Journalismus subjektiver und sorge dafür, dass sich der Zuschauer mit der Situation identifiziert. Virtual Reality sensibilisiere. Information und Erfahrung würden kombiniert zu einer ganz neuen Art des Medienkonsums.

Die Welt braucht mehr Headsets

Doch was muss passieren, damit sich die Technologie als Tool im Journalismus durchsetzt? Darüber herrschte am Freitag Einigkeit: Mehr Headsets, um den Zugang zu VR zu ermöglichen. Jeder zehnte Deutsche hat zumindest schon einmal eine VR-Brille ausprobiert. Aber auch die Medien müssten mutiger werden, Experimente wagen, Fehler machen und es wieder versuchen. Zudem müsse sich die Technik weiterentwickeln, die Kameras besser werden. Zugegeben – ich fand den Abgrund im virtuellen Reaktorraum schon beunruhigend real. Auch wenn es noch nicht das vollkommene immersive Erlebnis war, so kann man ahnen, wohin die Reise gehen wird. Beeindruckt hat mich vor allem auch die Begeisterung für diese Technologie, die auf der digility überall zu spüren war. Man kann also gespannt sein, welche Möglichkeiten aus diesem Enthusiasmus noch entstehen.

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Dieser Artikel wurde vor mehr als einem Jahr veröffentlicht. Sein Inhalt ist möglicherweise nicht mehr aktuell.

Friederike Pater ist studierte Journalistin und hat schon während ihrer Unizeit in der PR gearbeitet. Ihr Weg führte sie von der Konzernkommunikation über die Redaktion der Mittelbayerische Zeitung bis hin zu OSK nach Köln. Seit November 2014 arbeitet sie in der Agentur als PR-Assistant im Bereich Consulting. In ihrer Freizeit powert sie sich beim Crossfit-Training aus, genießt das gesellschaftliche, kulturelle und kulinarische Angebot der Rheinmetropole und lässt sich vom urbanen Charme Kölns zur Malerei inspirieren.

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