//KW 42 – Konkurrenz durch Amazon: Der Einzelhandel muss sich auf seine Stärken konzentrieren

WEEKLY TITELBILD_KW42 Amazon

Sie möchten unseren Newsletter zukünftig direkt an Ihr E-Mail-Postfach zugestellt bekommen? Dann melden Sie sich hier für den OSK Weekly an.


Liebe Leserinnen und Leser,

der US-Spielzeughändler Toys R Us hat vor rund einem Monat Insolvenz angemeldet. Das Unternehmen leidet vor allem unter der Konkurrenz der Online-Händler und hat nicht schnell genug auf die Marktveränderungen durch die Online-Konkurrenz von Amazon und Co reagiert.

Amazon ist größter Konkurrent des Einzelhandels, auch in Deutschland. Wie groß die Dominanz mittlerweile ist, zeigt eine Studie von PwC: Rund 90 Prozent der deutschen Online-Shopper kaufen bei Amazon, knapp die Hälfte nutzt die Website nach eigener Aussage inzwischen auch als Suchmaschine für Produkte und für Preisvergleiche. Dieses Verhalten bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Stationärgeschäfte.

Gemeinsam mit dem Hamburger Traditionshaus Otto und dem Mode-Versandhandel Zalando kontrolliert das US-Unternehmen mehr als ein Drittel des deutschen Online-Markts. Eine Marktmacht, gegen die vor allem kleinere Einzelhändler schwer ankommen. Schon seit Jahren krempelt die Digitalisierung den Handel um. Welche Auswirkungen diese Veränderung auf den stationären Handel hat, ist dieses Mal Thema unseres Newsletters.

Viel Spaß beim Lesen!

Der Kunde hat neue Vorlieben

Toys R Us habe sein Online-Geschäft sehr stiefmütterlich behandelt, erklärt Handelsexperte Stefan Wolpert im Deutschlandfunk-Interview. Viel zu lange habe der Spielzeug-Gigant das Online-Geschäft nicht in die eigenen Hände genommen. Dies sei laut Wolpert eine der Ursachen für die jetzige Insolvenz. Veränderte Lebensstile und Arbeitszeiten erforderten zudem eine Anpassung der Händler in ihrem Angebot. Der Kunde habe neue Einkaufsvorlieben entwickelt und wünsche vor allem ein möglichst einfaches Shopping-Erlebnis, zunehmend über mobile Endgeräte. „Ich werde den Kunden nicht dazu bekommen, dass er diese bequemen Möglichkeiten in Zukunft nicht mehr nutzen wird“, sagt Wolpert.

Dennoch sei der stationäre Handel nicht verloren. Er müsse sich differenzieren und seine Vorteile wie sofortige Warenverfügbarkeit, individuelle Beratung und das reale Einkaufserlebnis gegenüber der Online-Konkurrenz ausspielen.

Einzelhändler sind besorgt

Vier von zehn Händlern sehen ihre Zukunft durch die großen Online-Plattformen gefährdet. Das geht aus einer Studie der Regensburger ibi research für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hervor, deren Ergebnisse RP Online zusammenfasst. Laut der Untersuchung, für die bundesweit rund 2.000 Einzelhändler befragt wurden, stufen knapp 60 Prozent der Händler mit bis zu 9 Mitarbeitern den Einfluss von Amazon, E-Bay und Co auf ihr Geschäftsmodell als hoch oder sehr hoch ein. Bei den größeren Firmen mit 250 oder mehr Mitarbeitern befürchten sogar 73 Prozent negative Auswirkungen. Die Skepsis gegenüber Digital-Strategien scheint weiterhin groß, jedoch haben immerhin 35 Prozent der Befragten neben dem traditionellen Geschäft einen Online-Handel etabliert.

Stationär und Online schließen sich nicht aus

Der Online-Handel wächst beständig. Für dieses Jahr wird europaweit eine Umsatzsteigerung von 39 Prozent erwartet, berichtet der MDR. Diese Zahlen seien jedoch kein Grund, stationäre Geschäfte abzuschreiben. So zitiert der Bericht Franziska Ulbricht vom Händlerbund: „Wir stellen fest, dass 60 Prozent der Händler, die stationär verkaufen, auch einen Online-Handel führen, also immer mehr verstehen, dass man im Zuge der Digitalisierung beide Kanäle bedienen kann. Und man sieht auch, dass sie sich nicht konkurrieren, sondern dass sie sich ergänzen.“

Die Einrichtung eines Online-Shops ist mit hohen Kosten verbunden und besonders für kleinere Läden häufig eine Herausforderung. Der Händlerbund rät deshalb: „Seid sichtbar, seid im Internet einfach auffindbar mit eurem Geschäft (…)“. Quasi als Vorstufe zum eigenen Online-Shop könnten Unternehmen ihre Waren zunächst über Online-Marktplätze wie E-Bay anbieten.

Kaufen wir bald in Amazon-Supermärkten ein?

Amazon plant offenbar eine Ausweitung seiner Online-Geschäfte auf den stationären Markt. Erst vor wenigen Wochen hat das Unternehmen mit dem Kauf der US-Biokette Whole Foods für rund 13,7 Milliarden Dollar, umgerechnet rund elfeinhalb Milliarden Euro, die traditionellen Handelsfirmen weltweit aufgeschreckt. Wie Welt-Redakteur Michael Gassmann schreibt, sucht der E-Commerce-Riese auch in Europa nach Übernahme-Kandidaten und neuen Partnern im Lebensmittelhandel. Im Fokus sollen dabei vor allem Deutschland und Frankreich liegen. Während Marktgrößen wie Rewe und Edeka jede Form der Zusammenarbeit ablehnen, konnte Amazon mit Rossmann schon einen bedeutenden deutschen Kooperationspartner für sich gewinnen. Die Zusammenarbeit ist zunächst auf Berlin begrenzt. Rossmann stellt die Waren zur Verfügung, Amazon kümmert sich um den digitalen Vertrieb und die Logistik. Während einige Experten überzeugt sind, dass der Deal für beide Seiten eine Win-win-Situation darstellt, warnt Ver.di-Gewerkschafter Thomas Voss vor Allianzen: „Amazon sucht keine Partnerschaften auf Augenhöhe, sondern Unterordnung.“

“Dagegenhalten“ mit Erfahrung und Kompetenz”

Rewe rüstet sich für die Zukunft. Der Lebensmittelhändler plant 2018 mit Investitionen von über zwei Milliarden Euro. Ein großer Teil davon soll in die Digitalisierung fließen, wie Rewe-Chef Lionel Souque im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger erklärt. Sicher auch eine Reaktion auf den Versuch Amazons, auf den europäischen Lebensmittelmarkt vorzustoßen. „Wir nehmen das sehr ernst. Amazon wird alle Branchen infrage stellen. Banken, Versicherungen, Buchhandel – es gibt keinen Bereich, den Amazon nicht angreift“, beschreibt Souque die Lage. Technologisch werde man nie besser sein als Amazon, aber bei frischen Lebensmitteln habe Rewe mehr Erfahrung und Kompetenz. „Wenn man sehr gut ist in seinem Bereich, kann man dagegenhalten.“

Online-Redakteur

Carsten Christian ist studierter Journalist und Kommunikationswissenschaftler, seinen Master-Abschluss hat er an der Uni Hamburg gemacht. Bevor er zur Agentur kam, war der Digital Native mehr als zwei Jahre für die Online- und Print-Ausgabe der Ruhr Nachrichten im Einsatz. Bei OSK arbeitet er als Online und Social Media-Redakteur, auf dem Agentur-Blog schreibt Carsten über den Medienwandel und Trends im Bereich Mobile und (Online-)Video. Privat verfolgt er Neuigkeiten in der Videospiel- und Gaming-Szene, schaut gerne Let's-Plays auf YouTube und greift auch selbst zu Maus und Gamepad.