//“Wir müssen uns neu sortieren” – Alexander von Streit zur Zukunft des Journalismus

© Jan Frommel

Was mit ersten Gehversuchen nach dem Abitur begann, wurde für Alexander von Streit, Mitbegründer und Chefredakteur des Online-Magazins Krautreporter, schnell zur Passion und zu einer Aufgabe: Journalismus – mit starkem Hang zum Digitalen und zum Experimentieren. Neben seiner journalistischen Arbeit machte von Streit (Jahrgang 1970) an der Universität München seinen Magister in Politik, Soziologie und Sozialpsychologie. Er volontierte bei der Frankfurter Rundschau und schrieb anschließend mehrere Jahre als Autor und Kolumnist zu Themen rund um Medien, Gesellschaft und Internet, u.a. für die Rundschau, das Medium Magazin, Focus Online, Spiegel Online und den Stern. 2004 ging Alexander von Streit als Chefredakteur zum Medienmagazin Cover, im Juni 2006 übernahm er dann bei Focus Online die Leitung des Ressorts „Digital“. Ab 2012 bis Ende 2013 war von Streit zudem Chefredakteur bei Wired Deutschland.

Anfang 2014 schien es dann an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren. Denn: „Wenn wir Journalismus weiterhin so denken, wie er in der Vergangenheit richtig war, und ihn lediglich in dieser Form in den digitalen Raum übertragen wollen, bekommen wir das nicht hin“, ist Alexander von Streit überzeugt. In diesem Sinne nahm er als Chefredakteur von Krautreporter zusammen mit seinen Mitgründern Sebastian Esser (Herausgeber) und Philipp Schwörbel (Geschäftsführer) – begleitet von großem medialem Interesse – eines der bisher größten journalistischen Crowdfunding-Projekte in Angriff. Ziel: Dem Journalismus auf unkonventionellen Wegen ein neues Gesicht geben. Für von Streit der logische nächste Schritt, nachdem er sich bereits im Herbst 2011 an der Gründung des gemeinnützigen Journalismus-Think-Tanks und Medienportals vocer.org beteiligt hatte, dessen Herausgeber er heute noch ist.

Vor gut einem Jahr wurde die Funding-Phase für Krautreporter erfolgreich beendet. Die Redaktion mit Sitz in Berlin nahm zusammen mit einer Reihe von Autoren die journalistische Arbeit auf. Im September 2014 startete das Online-Magazin als Beta-Version für die zahlenden Mitglieder, am 24. Oktober folgte die offizielle Online-Freischaltung. Momentan befindet sich das Projekt im Umbruch – so hat Mit-Autor Stefan Niggemeier auf seinem Blog angekündigt, Krautreporter zu verlassen. In nächster Zeit muss sich zeigen, ob und in welcher Form die Plattform weiterlaufen kann. Insbesondere die deutschsprachige Medienwelt verfolgt das journalistische Experiment mit großem Interesse, hat es doch exemplarischen Charakter für die gesamte Branche in Bezug auf neue Ansätze und mutige Finanzierungskonzepte.

Im Interview nimmt Alexander von Streit das Spannungsfeld zwischen Technologieunternehmen, Start-ups und Medienhäusern in der neuen, zunehmend digitalen Kommunikationswelt ins Visier. Zudem geht er auf die Notwendigkeit von Experimenten, den Dialog mit dem Publikum und die Monetarisierung journalistischer Angebote ein.

Alexander von Streit
Chefredakteur und Mitbegründer Krautreporter

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1. Wie zeichnet sich Qualitätsjournalismus in Zukunft aus und was schadet ihm?

Qualitätsjournalismus ist ein überstrapazierter Begriff. Er führt in die falsche Richtung, denn er suggeriert, dass es sich dabei um eine bestimmte Art von Journalismus handelt. Ich denke, wir müssen uns künftig eher die Frage nach der Glaubwürdigkeit stellen. Wer Journalismus wie ein inflationäres Produkt behandelt, das ohne Substanz und Anspruch Medienangebote befüllen soll, wird massive Probleme bekommen.

2. Was sind die großen Trends im Journalismus und was wird sich davon künftig durchsetzen?

Momentan schwärmen ja viele zum Beispiel von Live-Bewegtbild à la Periscope und so etwas ist natürlich auch spannend. Aber das alles sind nur Etappen in einer gerade erst beginnenden größeren Entwicklung. Klar ist: Print hat im Moment zwar noch eine sehr wichtige Funktion im Medienmix vieler Menschen, aber unsere Kommunikation verändert sich. Alles wird digital. Und es wird entscheidend sein, ob wir es schaffen, die richtige Sprache für die vielen neuen Kanäle zu finden. Was wir im Moment sehen, sind nur erste Gehversuche. Trotzdem sind diese Experimente sehr wichtig, denn wir müssen uns von Grund auf neu sortieren.

Der im vergangenen Jahr geleakte Innovation Report der New York Times hat gezeigt, wie selbst eine der renommiertesten und größten Tageszeitungen der Welt vor den Konsequenzen des Transformationsprozesses kapituliert. Wenn wir Journalismus weiterhin so denken, wie er in der Vergangenheit richtig war, und ihn lediglich in dieser Form in den digitalen Raum übertragen wollen, bekommen wir das nicht hin. Stattdessen müssen journalistische Angebote ihre individuelle DNA identifizieren, diese aus den alten Strukturen lösen und dann neue Wege gehen.

Ja, ich lese noch klassische Medienmarken.

3. Wie und wo recherchieren Sie nach guten und spannenden Inhalten?

Vieles finde ich in meinen Social-Media-Streams, da vor allem bei Twitter, bei Facebook immer weniger. Ich nutze teilweise das Tool tame.it, um das digitale Rauschen aus meinem Twitter-Feed zu eliminieren, aber manchmal ist es auch hilfreich, den Feed einfach ungefiltert zu lesen. Wichtig für mich sind auch RSS-Feeds, die mich zum einen auf dem Laufenden halten und darüber hinaus mit ungewöhnlichen Blickwinkeln aus weniger Mainstream-orientierten Webangeboten oder Blogs versorgen. Und ja, ich lese noch klassische Medienmarken, allerdings überwiegend in digitaler Form. Wirklich spannend wird es aber, wenn man als Journalist nicht mehr allein darüber nachdenkt, welche Geschichte spannend ist. Wer Journalismus als Prozess mit dem Publikum begreift, kann auf einen wertvollen Wissens- und Meinungsaustausch zurückgreifen, der die bessere Geschichte zur Folge hat.

4. Was muss man als Journalist künftig tun und können, um gelesen und wahrgenommen zu werden?

Sichtbarer werden und sich auf den Dialog mit dem Publikum einlassen. Nur wenn Journalisten greifbar werden, ansprechbar und dialogbereit sind, stellen sie die nötige Augenhöhe her, die Journalismus glaubwürdig macht. Das gilt übrigens nicht nur für Journalisten, sondern auch für Medienmarken.

// Über #ZukunftDesJournalismus

Mobiles Internet, immer leistungsfähigere Smartphones, neue Nachrichtendienste: Die Medienlandschaft verändert sich rasant und mit ihr der Journalismus. Viele Fragen bewegen die Branche: Ist die Tageszeitung ein Auslaufmodell, weil die jüngeren Zielgruppen aktuelle Nachrichten nur noch auf mobilen Endgeräten konsumieren? Erledigen bald Schreibroboter typische Routineaufgaben und machen damit einen Teil der Redakteure überflüssig? Mit welchen neuen journalistischen Darstellungsformen können Menschen erreicht werden, die immer weniger lesen und nur noch Bilder anschauen? Gemeinsam mit Journalisten und Medienmachern aus ganz unterschiedlichen Richtungen wagt OSK einen Blick in die Zukunft des Journalismus. Das Prinzip ist immer das gleiche: acht Fragen, acht Antworten. Stück für Stück entsteht so ein Bild, das belastbare Aussagen zu entscheidenden Trends von morgen und übermorgen ermöglicht.

5. Die technologischen Veränderungen sind rasant – wie müssen sich vor diesem Hintergrund der Journalismus verändern und dessen Anbieter anpassen?

Als die Medienwelt sich noch auf Zeitungen, Magazine und Rundfunk beschränkte, war alles so einfach. Denn diese Kanäle sind traditionell journalistisch geprägt. Inzwischen stellen aber zunehmend Technologieunternehmen wie zum Beispiel Facebook oder Google die Kommunikationsinfrastruktur unseres Alltags. Das sollte uns zu denken geben – und wir müssen die richtigen Konsequenzen aus dieser Erkenntnis ziehen. Innovatives technisches Know-how ist in der Regel nicht in den Medienhäusern zu finden, sondern in Start-ups, die ohne journalistische Vorprägung Bedürfnisse in der neuen Kommunikationswelt erkennen und mit ihren Produkten befriedigen. Hier findet die Innovation statt. Und das ist das Feld, das der Journalismus beobachten muss, anstatt ausschließlich in der eigenen Suppe nach Lösungen zu suchen, um alte Ideen in die neue Zeit zu retten. Das bedeutet aber im Umkehrschluss nicht, dass sich Medienunternehmen in die Abhängigkeit von diesen neuen Playern begeben sollten.

6. Wie verdient der Großteil der Medien künftig Geld?

Jedes Medienangebot muss den Finanzierungsweg finden, der zur eigenen Marke passt. Klar ist aber, dass die Erlöse aus Printprodukten mittelfristig weiter deutlich zurückgehen und digitale Angebote immer mehr den Kern des Mediengeschäfts ausmachen werden – aber auch da gibt es bezüglich der Monetarisierung zurzeit leider schlechte Prognosen. Paid Content funktioniert nur in wenigen speziellen Fällen wirklich, und auch Reichweitenmodelle, die ihre Klicks mit Werbung versilbern, sind angesichts von Ad-Blockern und der schwierigen Umsetzung für den immer wichtigeren Bereich Mobile kein belastbarer Zukunftsentwurf.

Das macht die Medienhäuser anfällig für Dinge, die sie besser nicht machen sollten. Native Advertising gilt vielen ja als Hoffnungsträger bei der Suche nach Refinanzierung. Was nicht verwundert, denn aus Sicht der Anzeigenkunden ist das ideal und daher gefragt. Im schlechtesten Fall erleben wir, dass die Grenzen zwischen redaktionellen und werblichen Inhalten an manchen Stellen komplett aufgehoben werden. Nicht zuletzt in diesem Zusammenhang wird die direkte Finanzierung von journalistischen Angeboten durch ihre Leser künftig eine größere Rolle spielen. Wir haben mit Krautreporter gezeigt, dass so etwas möglich ist.

Es wird weniger Journalisten geben, die von ihrer Arbeit leben können.

7. Wie sehen Ihrer Ansicht nach journalistische Inhalte und die Angebotslandschaft in fünf Jahren aus?

Fünf Jahre sind angesichts des immer schnelleren Transformationsprozesses, an dessen Anfang wir gerade einmal stehen, eine sehr lange Zeit. Eine konkrete Prognose wäre da unseriös. Für größere Medienunternehmen wird es aber immer unrentabler sein, Journalismus in der heutigen Form zu betreiben, und es wird weniger Journalisten geben, die von ihrer Arbeit leben können. Ich bin mir jedoch sicher, dass das journalistische Angebot insgesamt künftig nicht weniger vielfältig ausfällt, nur in einem anders zusammengesetzten Mix.

8. Welches Medium fehlt heute noch auf dem Markt?

Vor einem Jahr hätte ich darauf geantwortet: Ein Medienangebot, das sich den gängigen Finanzierungsstrukturen durch Werbung entzieht und dadurch die Grundlage schafft, digitalen Journalismus unter anderen Rahmenbedingungen auszugestalten. Heute ist die Antwort: Wir brauchen noch viel mehr solcher Angebote.

Hier gelangt ihr zu den anderen Teilen der Serie #ZukunftDesJournalismus.

Dieser Artikel wurde vor mehr als einem Jahr veröffentlicht. Sein Inhalt ist möglicherweise nicht mehr aktuell.

Online-Redakteur

Carsten Christian ist studierter Journalist und Kommunikationswissenschaftler, seinen Master-Abschluss hat er an der Uni Hamburg gemacht. Bevor er zur Agentur kam, war der Digital Native mehr als zwei Jahre für die Online- und Print-Ausgabe der Ruhr Nachrichten im Einsatz. Bei OSK arbeitet er als Online- und Social-Media-Redakteur, auf dem Agentur-Blog schreibt Carsten über den Medienwandel und Trends im Bereich Mobile und (Online-)Video. Privat verfolgt er Neuigkeiten in der Videospiel- und Gaming-Szene, schaut gerne Let's-Plays auf YouTube und greift auch selbst zu Maus und Gamepad.

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