Sebastian Pfotenhauer Head of Video, Ringier AG

Sebastian Pfotenhauer verfügt über umfangreiche Erfahrungen im Video-Bereich. Seit 2015 arbeitet er für den Schweizer Verlag Ringier AG. Er leitet dort als Head of Video ein mittlerweile 31-köpfiges Team und baute für die „Blick“-Gruppe die Video-Reichweite sowie -einnahmen massiv aus. Darüber hinaus setzte er erfolgreich auf Trends wie Virtual Reality, Live-Videojournalismus und Augmented Reality. „Blick“ ist eine deutschsprachige Schweizer Tageszeitung und Blick.ch das Medienportal mit monatlich über 800 Millionen Page Impressions und über 60 Millionen Visits. Außerdem ist der Video-Experte als Dozent für verschiedene Hochschulen und Institute in Deutschland und der Schweiz tätig.

Zuvor arbeitete der 40-Jährige von 2007 bis 2015 für stern.de in Hamburg, zuletzt als Leiter Digital TV. In dieser Position verantwortete er mit seinem zwölfköpfigen Team die Entwicklung und Umsetzung einer digitalen Bewegtbildstrategie für die Marke stern. Dazu gehörten Überarbeitung und Ausbau des Video-Contents unter Berücksichtigung mobiler Nutzungsgewohnheiten. Ein besonderer Fokus lag dabei ebenfalls auf Reichweitenausbau und Erlösoptimierung. Mit Bewegtbild hatte er bereits vorher Erfahrung: Er gehörte zum Entwicklungsteam des rbb-TV-Talks „Thadeusz“ und arbeitete als Autor unter anderem für Reinhold Beckmann.

Sebastian Pfotenhauer studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaft, Politik und Neuere Deutsche Literatur und absolvierte anschließend die Henri-Nannen-Journalistenschule.

Sebastian Pfotenhauer
Head of Video Ringier AG, Schweiz

Twitter: @s_pfotenhauer
LinkedIn: Sebastian Pfotenhauer

1. Wie zeichnet sich Qualitätsjournalismus in Zukunft aus und was schadet ihm?

In Zukunft wird Qualitätsjournalismus stark digital getrieben, für jeden Kanal und jedes Device passgenau aufbereitet sein. Idealerweise so gut umgesetzt und im positiven Sinne inszeniert, dass die User bereit sind, dafür zu zahlen – sowohl für die Inhalte als auch für die Art der Aufbereitung. Dem oft vernachlässigten Bereich User Experience wird dabei eine wichtige Rolle zukommen. Zentral wird auch der Community-Gedanke sein. Grundsätzlich gilt: Wir Journalisten sind nicht mehr nur Sender, wir sind auch Empfänger und stehen im Austausch mit unseren Lesern und Usern. Wir diskutieren, nutzen ihre Inhalte, beantworten ihre Fragen – und das eben nicht nur in Text, sondern auch in Video.

Schwierig wird es, wenn Journalismus in Zukunft nur noch rein wirtschaftlich betrachtet wird und zum Beispiel aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen keine Zeit mehr für Recherchen vorhanden wäre. Guter Journalismus muss weiterhin unabhängig sein.

2. Was sind die großen Trends im Journalismus und was wird sich davon künftig durchsetzen?

Solange wir eine VR-Brille benötigen, um Inhalte anzuschauen, wird sich die Technologie nicht durchsetzen.

Die Zukunft ist bewegt: Video wird meiner Meinung nach nicht nur die zentrale Form unserer Kommunikation sein, sondern auch unseren Medienkonsum beherrschen. Darüber hinaus wird Augmented Reality allgegenwärtig sein – im Gegensatz zu Virtual Reality. Solange wir eine VR-Brille benötigen, um diese Inhalte anzuschauen, wird sich die Technologie nicht durchsetzen. Das Device ist einfach nicht alltagstauglich. Oder haben Sie morgens in der Bahn jemals Passanten mit einer VR-Brille gesehen? Was Sie sehen, sind Menschen, die unentwegt auf ihr Smartphone schauen. Und damit haben sie das für Augmented Reality entscheidende Gerät schon dabei. Bereits Ende 2019 wird es weltweit vier Milliarden AR-fähige Smartphones geben.

3. Wie und wo recherchieren Sie nach guten und spannenden Inhalten?

Das ist letztlich wenig überraschend: Wir brainstormen im Team, verfolgen aufmerksam die Agenturen, diskutieren aber vor allem mit unserem Social-Media- und unserem SEO-Team, welche Themen gefragt sind. Auch die von uns erhobenen Daten helfen, schon im Vorfeld zu wissen, ob ein Thema funktionieren wird. Wichtig ist aber auch, immer sich selbst zu fragen – als User, nicht als Journalist: Würde ich das lesen oder anschauen wollen? Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in Zeiten der Informationsflut keine Gatekeeper mehr sind, sondern Orientierung und Einordnung geben müssen. Deshalb ist es wichtiger denn je, dass wir als Journalisten auch komplexe Themen herunterbrechen und aufzeigen, was bestimmte Entwicklungen, Entscheidungen oder Ereignisse für den einzelnen Menschen bedeuten.

4. Was muss man als Journalist künftig tun und können, um gelesen und wahrgenommen zu werden?

Journalisten müssen künftig viel mehr Eigenmarketing betreiben. Dazu gehört, wie bereits erwähnt, den Lesern und Usern noch besser zuzuhören, auf Augenhöhe mit ihnen zu sein, sich auszutauschen und zu interagieren, etwa in den Kommentaren unterhalb von Artikeln. Dieses Prinzip gilt auch für journalistische Marken. Nur wem es gelingt, eine Community um seine Marke aufzubauen, wird überleben. Zudem müssen wir noch stärker die Daten nutzen, die heute in einer unglaublichen Tiefe und Qualität vorliegen, um unser Angebot stetig zu verbessern. Mit journalistischem Bauchgefühl allein gibt es heute keinen Erfolg mehr.

// Über #ZukunftDesJournalismus
Mobiles Internet, immer leistungsfähigere Smartphones, neue Nachrichtendienste: Die Medienlandschaft verändert sich rasant und mit ihr der Journalismus. Viele Fragen bewegen die Branche: Ist die Tageszeitung ein Auslaufmodell, weil die jüngeren Zielgruppen aktuelle Nachrichten nur noch auf mobilen Endgeräten konsumieren? Erledigen bald Schreibroboter typische Routineaufgaben und machen damit einen Teil der Redakteure überflüssig? Mit welchen neuen journalistischen Darstellungsformen können Menschen erreicht werden, die immer weniger lesen und nur noch Bilder anschauen? Gemeinsam mit Journalisten und Medienmachern aus ganz unterschiedlichen Richtungen wagt OSK einen Blick in die Zukunft des Journalismus. Das Prinzip ist immer das gleiche: acht Fragen, acht Antworten. Stück für Stück entsteht so ein Bild, das belastbare Aussagen zu entscheidenden Trends von morgen und übermorgen ermöglicht.

5. Die technologischen Veränderungen sind rasant – wie muss sich vor diesem Hintergrund der Journalismus verändern und inwieweit müssen sich seine Anbieter anpassen?

Das Wesen des Journalismus darf sich nicht verändern, aber die Journalisten müssen sich anpassen. Wer nicht jeden Tag dazulernt, wer sich nicht auf die stetigen Veränderungen einlässt, der wird – so hart es klingt – auf der Strecke bleiben. Der Beruf des Journalisten wird sich verändern, komplexer, auch unsicherer, aber ebenso abwechslungsreicher werden. Am Ende bedingt diese Entwicklung auch Mut. Mut, Neues zuzulassen, Sachen auszuprobieren – und dabei zu scheitern. Fehler zu machen, ist längst keine Schande mehr. Wichtig ist, aus den Fehlern zu lernen. Nur dann können wir uns und unser Produkt weiterentwickeln.

6. Wie verdient der Großteil der Medien künftig Geld?

Auf jeden Fall viel differenzierter als heute. Sicher ist: Das eine Erfolgsrezept, das alle kopieren können, gibt es nicht mehr. Jedes Medium, jede Marke, jeder Journalist muss seinen eigenen Weg finden. Die Erlöse kommen aus vielen Erlössträngen – auch um unabhängiger von nur einer oder wenigen Quellen zu sein. Werbung wird es weiterhin geben, aber personalisierter und weniger störend. Parallel dazu werden Paid-Angebote zunehmen. Darüber hinaus werden Sponsoring und vor allem Branded Content noch stärker gefragt sein. Aber auch Modelle wie E-Commerce, die Lizenzierung von Inhalten an Dritte und letztlich generell die Distribution eigener Inhalte auf anderen Plattformen – etwa Streamingplattformen wie Zattoo oder relativ junge Anbieter wie Netflix, Amazon Prime oder DAZN – bieten Chancen, zusätzliches Geld zu verdienen.

7. Wie sehen Ihrer Ansicht nach journalistische Inhalte und die Angebotslandschaft in fünf Jahren aus?

Print wird in Zukunft selbst zum Erlebnis werden

Digitaler Journalismus wird künftig allgegenwärtig sein. Bewegtbild kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Spätestens 2021 werden über 80 Prozent des Traffics im Internet von Videos stammen. Auch die konsequente Auswertung von User-Daten wird das Angebot verändern. Wir werden künftig Nachrichten personalisiert erhalten, zusammengestellt nach unseren tatsächlichen Interessen und immer abhängig davon, wann ich zuletzt das Angebot besucht habe. Aber all das bedeutet nicht, dass Print untergeht. Im Gegenteil, Print wird in Zukunft selbst zum Erlebnis werden – weniger im Nachrichten-, sondern eher im Special-Interest-Bereich. Das sehen wir heute schon. Es entstehen Zeitschriften aus hochwertigem Papier und mit opulenten Bildern, alles großartig gelayoutet. So wird Lesen zum Genuss.

8. Welches Medium fehlt heute noch auf dem Markt?

In unserer Medienlandschaft fehlt es weniger an einem konkreten Medium, sondern vor allem an einer Sache: einer großen Allianz deutscher beziehungsweise europäischer Verlage und Medienhäuser, um der Übermacht von Google und Facebook vor allem auf dem Werbemarkt etwas entgegenzusetzen.

Foto: Ringier AG

 

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