//Zurück zu den Anfängen. Alles Retro – auch beim Bloggen?

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Retro ist in. Die Rückkehr zum Haptischen, dem „Echten“, erlebt einen regelrechten Kult. Zwar hat die Digitalkamera nicht ausgedient, doch schwören Fotografen zunehmend auf die Magie von Belichtungsfilm und Dunkelkammer. Und natürlich essen wir gerne exotische Südfrüchte, viele Menschen greifen aber zunehmend auf regionale, saisonale Kost aus heimischen Gärten zurück. Weniger Schischi, mehr Genuss. Auch in der Bloggerszene ist eine Entwicklung hin zu mehr Authentizität zu beobachten. Geht es nun auch im Netz back to the roots? Gar so weit, dass Blogs als Teil des modernen Internets aussterben?

Sonny-Abesamis Foto: Sonny Abesamis

Die Entwicklung bei Bloggern

Wie aber könnte eine solche Rückkehr zu den Wurzeln aussehen? Schauen wir uns dafür den Ursprung von Blogs an. Bereits in der Mitte der 1990er-Jahre tauchten sie, damals noch vereinzelt, als Weblogs in Form von Tagebüchern im Netz auf. Über die Jahre ist ihre Zahl rasant angestiegen. So existierten laut Statista im Dezember 2015 über 266 Millionen Blogs allein auf der Plattform Tumblr. In der schieren Masse wabert auch viel Uninteressantes. Geblieben aber ist der gute Ruf der Blogs aus ihren frühen Anfangstagen als authentisches Medium.

Seit Mitte 2015 lässt sich das sogenannte „Slow Blogging“ beobachten, das eine Gegenstimme zur schieren Masse und zurück zur Authentizität bildet: seltener, dafür aber hochwertig bloggen. Slow Blogging stellt also Qualität über Quantität. Gut so! Vielleicht befreit uns das ja von minütlich in Social-Media-Feeds auftauchenden Mittagessen-Fotos und Kosmetiktests. Blogbeiträge sollen seltener und mit nützlicherem Inhalt gepostet werden. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich: So werden die sozialen Netzwerke täglich mit Content überschwemmt. Oder wie es die US-Bloggerin Amy Lynn Andrews sagt:

“Ich schätze Simplizität in meinem eigenen Leben. Je mehr ich online bin, desto komplizierter fühlt es sich an. Da gibt es einfach zu viel – zu viele Grafiken, zu viele Apps, zu viel Auswahl, zu viel Werbung, zu viele Social-Media-Optionen. Da ist zu viel Wetteifern um unsere Aufmerksamkeit.”

“I appreciate simplicity in my own life. The more I’m online, the more complicated it feels. There’s just too much – too many graphics, too many apps, too many choices, too many ads, too many social media options. There’s too much vying for our attention.”

Nicole-LeecFoto: Nicole Leec

Schlechter Content wird abgestraft

In der schieren Flut an Content finden sich leider nicht nur Perlen. Einige der geposteten Beiträge sind voller Binsenweisheiten, halten nicht, was ihre reißerischen Überschriften versprechen, oder es wurde vorab nicht gewissenhaft recherchiert. User erkennen solchen „Trash-Content“ und strafen ihn durch Nichtbeachtung oder negatives Feedback ab. Durch Slow Blogging wird die Gefahr, derartigen Content zu erzeugen, vermindert. Die Blogger-Community erinnert sich an ihre Ursprünge und kehrt zu diesen zurück – Retro in Reinform.

Die Entschleunigung kann aber auch persönliche Gründe haben: weniger Zeit oder weniger Lust, so ehrlich muss man auch sein. Nicht viele Blogger halten es durch, jahrelang hochwertigen Content zu liefern. Oft spielt hier die Frustration mit hinein, wenn der schnelle Erfolg, der in der Szene manchmal versprochen wird, ausbleibt. Daher noch ein Tipp von Bloggerin Andrews:

“Beobachte, hör zu und antworte – den Menschen, nicht den Gurus.”

“Observe, listen and respond – to the people, not the gurus.”

Slow Blogging ist also eine Hinwendung zu mehr Qualität und gleichzeitig eine Entrümpelung des Newsfeeds. Bedeutet das ein Verschwinden von Blogs? Nein. Doch einen weiteren wichtigen Wandel sollten wir in diesem Zusammenhang nicht außer Acht lassen.

Mobile Content im Fokus

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Mehr als jeder zweite User greift laut einer Onlinestudie von ARD und ZDF mittlerweile über das Smartphone bzw. über das Tablet auf das Netz zu. Erstmals bewegen sich damit mehr Menschen mobil im Internet als am PC. Auch das ist eine Art Rückkehr zu praktischen Gewohnheiten: 2006 war es die Kompaktausgabe der Tageszeitung, mit der wir uns in der S-Bahn, beim Warten auf den Bus oder in der Kaffeepause beschäftigt haben. Heute zücken wir Smartphone oder Tablet und klicken uns durch die bunte Welt der Blogs. Diese Entwicklungen sind ein Teil der digitalen Transformation, wie Michael Kroker sie beschreibt: mehr Technik, die jedoch nicht zwangsläufig zu mehr Zufriedenheit führt.

Statische Seiten haben keine Chance mehr. Wer heute kein auf mobile Lösungen zugeschnittenes Blogdesign anbietet, hat im Wettbewerb schlechte Karten und verliert mehr als 30 Prozent seiner potenziellen Kunden.

Der Gigant Google reagiert bereits: Ende Februar 2016 stellt der Konzern seine neue Technologie Accelerated Mobile Pages vor. Mit ihr soll das mobile Surfen beschleunigt werden. Auch Facebook hält das Tempo mit den Instant Articles, genau wie Apple News. Das klingt zwar technisch alles andere als Retro. Doch das Ziel ist letztendlich, sich den Bedürfnissen des Users anzupassen. Und der will mehr (mobile) Freiheit wie anno 2006.

Besseres SEO und der Umgang mit Medien

Die Sehnsucht nach Retro-Blogging spiegelt sich auch im SEO-Bereich wider. Während es früher genügte, mit Keyword-Dropping zu einer eilig zusammengeschusterten Landingpage zu locken, muss Suchmaschinenoptimierung heute klüger umgesetzt werden. Zu diesen Zeiten will natürlich niemand zurückkehren, und das ist auch nicht mit Retro gemeint, sondern die bedachte und den User im Blick behaltende Umsetzung von SEO.

Dennoch muss dringend ein Umdenken bei Bloggern in Richtung Wertschöpfung stattfinden. Denn in einem guten Beitrag stecken locker acht bis zehn Stunden Arbeit. Lösungen wie Laterpay oder Blendle sind gute Ansätze in die richtige Richtung. Natürlich ist dabei auch die Absicht hinter dem Blog entscheidend: Will man mit wertigen Artikeln neue Kunden anziehen oder eine breite Leserschaft aufbauen? Sollen die Beiträge für sich stehen oder sind sie Mittel zum Zweck? Kurzum: Blogger tun gut daran, ihre Content-Marketing-Strategie regelmäßig zu überprüfen.

Grundsätzlich sollte aber darauf geachtet werden, die Entwicklungen der Gegenwart nicht zu verschlafen. Von einem „Blogsterben“ kann aber absolut nicht die Rede sein, im Gegenteil: Blogs sind inzwischen auch in den Redaktionen klassischer Medien angekommen. Wenn ein Blog nicht funktioniert, ist das oft auch der Nachlässigkeit in Bezug auf technische Fortschritte zuzuschreiben.

Ziehen Blogger bald den Stecker?

Die Abwendung von Technik im Allgemeinen, die Distanzierung von plattem SEO sowie die schleichende Loslösung vom PC als erster Anlaufstelle für den Internetzugang könnten zu der These verleiten, dass Blogs im Retro-Trend aus der Mode kommen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Während die sogenannten etablierten Medien verzweifelt versuchen, mit der rasanten Entwicklung Schritt zu halten, steigt das Ansehen von Blogs – gelten sie doch nach wie vor als unabhängig, nah an der Zielgruppe und authentisch.

Dennoch darf nicht verschwiegen werden, dass es in der Blogger-Welt nach wie vor massive Qualitätsunterschiede gibt. Während bei professionellen Redaktionen Inhalte geprüft und redigiert werden, kann jeder einen Blog eröffnen. Blogger tun daher gut daran, journalistisch zu arbeiten – gründliche Recherche inklusive. Damit Beiträge wirklich ansprechend sind, sollten Publisher sich außerdem mit Storytelling und Storyscaping vertraut machen.

Genau diese bodenständige Wertigkeit drückt sich auch in der Reduktion von (unnützer!) Technik aus. Weniger Materielles, um das man sich kümmern muss, das Zeit und Geld kostet. Ein Leben, das mehr den eigenen Bedürfnissen entspricht. Und zu guter Letzt das Echte, das Wahre, nach dem sich Minimalisten ebenso sehnen wie der gespannt auf die Entwicklung wartende Dunkelkammer-Fotograf oder der Ernährungsbewusste. Und auch die User schätzen nach wie vor authentische Blogger.

Rückkehr zum Fundament

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Damit Weblogs im Jahr 2016 eine solide Performance hinlegen, müssen sie dauerhaft gute Inhalte liefern und diese Inhalte zudem für das mobile Surfen attraktiv gestalten.

Haben Blogs damit ein Stück von ihrer Leichtigkeit und Freiheit verloren? Nicht unbedingt.

Diese Tipps helfen Blogs im Jahr 2016:

  • Die Grundidee von Slow Blogging unterstützen: weniger, dafür qualitativ sehr hochwertigen Content schaffen
  • mobiles Webdesign anbieten, um nicht den Anschluss zum dynamischen Nutzerverhaltenen zu verlieren
  • SEO wertig und zeitgemäß praktizieren, d. h.: Kein Keyword-Dropping und den Fokus auf neue Entwicklungen wie Voice Search und Direct Answers legen
  • Features entrümpeln. Im Ernst, niemand braucht 2016 noch Newsletter-Popups – egal, was andere Blogger erzählen, es nervt, und zwar gewaltig
  • mehr Selbstbewusstsein: Blogger haben in den letzten Jahren stark an Einfluss und Reputation gewonnen. Voraussetzung für ein selbstbewusstes, professionelles Auftreten ist natürlich, dass der Blog hochwertigen Content bietet
  • über Monetarisierung nachdenken (z. B. Abonnements, Zusatzinhalte etc.): Ja, Blogbeiträge dürfen etwas kosten!

Fazit

Blogs können sich dem Retro-Trend nicht entziehen. Und das ist gut so, denn von dieser Entwicklung geht keine Bedrohung, sondern eine Chance aus. Die Chance darauf, den Ruf als authentisches Medium nicht in Form belangloser Content-Schleudern zu verlieren, sondern stattdessen als ernstzunehmende Formate die Weblandschaft zu bereichern.

// Über den Gastautor

© Lydia RechBenjamin Brückner arbeitet als Schriftsteller, Blogger und Texter. Nach Tätigkeiten in diversen Hörfunk- und Fernsehredaktionen veröffentlichte er bisher zwei Bücher: “Russenstern”, ein Kurzgeschichtenband, und das “Akademische Viertel”, ein satirischer Studenten-Ratgeber. Auf seinem eigenen Blog verfasst er regelmäßig Rezensionen, Lesetipps und Analysen zu gesellschaftlichen Themen. Privat interessiert Benjamin sich für Philosophie, Geschichte, Sport, digitale Entwicklungen und natürlich für kreatives Schreiben. Für den OSK-Blog schreibt der 28-Jährige als Gast-Autor über aktuelle Internettrends, die Digitalisierung und die Medienbranche.

// More About

  • FashionqueensDiary

    Sehr interessanter Beitrag! An sich stimme ich in allen Punkten zu, glaube aber auch, dass einige Beiträge, die manche für schlecht recherchiert halten, pures Unwissen sind (und es keine Absicht vom Blogger war, nur Halbwissen preis zu geben). Ich denke, dass dies vor allem auf die junge Genereation U20 zutrifft… ;-)

    • Benjamin Brückner

      Vielen Dank für das Feedback. Sorgfalt halte ich für sehr wichtig beim Bloggen. Es ist natürlich auch immer einer Frage der Zielgruppe, wie tief das Thema bearbeitet wird. Lockere Artikel, die sich mit der Oberfläche beschäftigen, sind wertvoll, gerade für Einsteiger. Ich finde es spannend, wie die Blogs der Gegenwart wachsen und sich in verschiedene Richtungen entwickeln. Vielleicht gibt es bald ja das “Fast Blogging”? :)