//KW 46 – Facebooks Rolle bei der Präsidentschaftswahl in den USA

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Liebe Leserinnen und Leser,

Facebooks Algorithmus hat die US-Präsidentschaftswahl 2016 beeinflusst – mit diesem Vorwurf sah sich Mark Zuckerberg in den vergangenen Tagen konfrontiert. Kritiker behaupten, die User, also die Wähler, wären von Fake-News beeinflusst worden, die über das soziale Netzwerk verbreitet wurden. Während Zuckerberg dies weiterhin vehement abstreitet, gab Facebook diese Woche gleichzeitig bekannt, sich stärker gegen Falschmeldungen einsetzen zu wollen. Aus aktuellem Anlass ist die Gatekeeper-Funktion des sozialen Netzwerks diese Woche Thema unseres Newsletters.

Viel Spaß beim Lesen!

Facebook bestreitet Verbreitung von Fake-News über das soziale Netzwerk

Der Vorwurf sei verrückt, meint Mark Zuckerberg und bestreitet damit den Einfluss seines Milliarden-Unternehmens auf die US-Wahlen 2016. Wie die Online-Plattform BuzzFeed jedoch herausgefunden hat, sind viele geteilte Artikel häufig frei erfunden oder wurden mit falschen Informationen vermischt. Eine Analyse von Hapgood zeigt außerdem: Fake-News sind populärer und werden häufiger geteilt. Eine weitere BuzzFeed-Untersuchung bestätigt dies: Falschmeldungen über den US-Wahlkampf haben sich in den letzten drei Monaten auf Facebook stärker verbreitet als korrekte Nachrichten seriöser Medien. Demnach wurden die 20 am stärksten verbreiteten Falschmeldungen von fingierten Websites oder extrem parteiischen Blogs mehr als 8,7 Millionen Mal weitergeleitet oder kommentiert.

Facebook entzieht sich der publizistischen Verantwortung

Facebook sehe sich noch immer nicht in der Rolle und damit in der Verantwortung eines Medienunternehmens, meint Emily Bell, Professorin für digitalen Journalismus an der Columbia Journalism School. Laut Gründer Mark Zuckerberg ist das Netzwerk ein Technikkonzern. Diese Haltung ist laut Bell, neben der Verbreitung von Falschmeldungen, das zweite große Problem mit Facebook. Denn ohne Reglementierungen könnten sich Nachrichten fast ungehindert im Facebook-Newsfeed verbreiten und Nutzer mit möglicherweise falschen Informationen versorgen.

Die Aufgaben des Editors werden bei Facebook größtenteils einer Software überlassen. Facebook scheint die Lösung eher in mehr Technik zu sehen, wenn es darum geht, den Nachrichtenfluss zu lenken, schreibt Spiegel-Redakteurin Angela Gruber, und nicht in einem größeren redaktionellen Engagement. Dabei sei die Plattform inzwischen eine der wichtigsten Nachrichtenquellen geworden. Knapp die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung sieht oder liest in dem Netzwerk Nachrichten, heißt es in einer Pew-Studie für 2016.

Gehirnwäsche in der Filterblase?

Mark Zuckerberg dementiert auch, dass sich im Newsfeed eine sogenannte Filterblase bilde. In dieser Blase werden den Nutzern durch Algorithmen vor allem Nachrichten angezeigt, die ihre Ansichten bestätigen und sich somit in ihren Köpfen festsetzen. Das soll auch während der US-Präsidentschaftswahl geschehen sein. Um zu demonstrieren, wie sehr sich die Realitäten verschiedener Facebook-User unterscheiden können, hat das Wall Street Journal einen „blauen“ und einen „roten“ Newsfeed erstellt. Im roten Feed tauchen ausschließlich sehr konservative Inhalte und Quellen auf, im blauen sehr liberale – die User befinden sich in ihrer jeweiligen Filterblase.

Blogger Christian Buggisch wollte mit einem simplen Experiment belegen, dass die Filterblase tatsächlich existiert. Er meldete sich unter einer zweiten Identität neu auf Facebook an. Dann begann er, die zweite Filterblase aufzubauen, indem er rechtsorientierten Parteien und Organisationen folgte. Bereits nach wenigen Gefällt-mir-Klicks schlug Facebook eigenständig rechte Seiten und Meinungsführer vor – die perfekte „Abschottungsmaschinerie“, sagt Buggisch.

Der Journalismus muss seine Aufgabe erfüllen

Facebook und Nachrichtenunternehmen sollten kooperieren, anstatt sich gegenseitig zu beschuldigen, fordert US-Medienguru und Blogger Jeff Jarvis. Überhaupt sei die Schuldfrage nicht klar zu beantworten. Denn nicht nur in dem sozialen Netzwerk, sondern auch in den Mainstream-Medien verbreiteten sich Fake-News. Man solle daher vorsichtig sein und sich die Frage stellen: Wollen wir Facebook, Google und Co wirklich als „Zensoren der Welt“? Journalisten sollten an Diskussionen auf Facebook teilnehmen, sie mit Fakten, Erklärungen und Beweisen in die richtige Richtung lenken. Das sei schließlich die Aufgabe des Journalismus, sagt Jarvis.

Der politische Graben wächst

Unsere Technologie hat die Präsidentschaftswahl verändert und untergräbt nun unsere Fähigkeit, Verständnis für andere zu empfinden, glaubt Medium-Autor Tobias Rose-Stockwell. Das habe er in den sozialen Netzwerken beobachten können. Noch nie hätten sich die politischen Ansichten derart weit voneinander entfernt – und die Entfernung wachse täglich. Rose-Stockwell glaubt, die Art und Weise, wie Nachrichten konsumiert werden, beeinflusse uns Menschen. Ende des 20. Jahrhunderts habe es nur wenige Informationskanäle gegeben. Mit Etablierung des Internets und der sozialen Netzwerke diversifizierten sich die Kommunikationswege – und plötzlich gab es eine große Auswahl an Fakten. Dadurch teilt sich die Community in „meine Fakten“ und „deine Fakten“ – der „Facebook-Effekt“. Um den Graben nicht weiter wachsen zu lassen, sei es wichtig, sich auch mit den Meinungen der anderen Seite zu befassen, schreibt Rose-Stockwell.

Die Übersicht behalten: Mit OSK Weekly präsentieren wir einmal wöchentlich einen kompakten Überblick zu aktuellen Entwicklungen aus der Welt der Kommunikations- und Digitalbranche – mit spannenden, bemerkenswerten und wie wir finden teilenswerten Nachrichten aus den Bereichen PR, Marketing, Social Media & Co.

Dieser Artikel wurde vor mehr als einem Jahr veröffentlicht. Sein Inhalt ist möglicherweise nicht mehr aktuell.

Online-Redakteur

Carsten Christian ist studierter Journalist und Kommunikationswissenschaftler, seinen Master-Abschluss hat er an der Uni Hamburg gemacht. Bevor er zur Agentur kam, war der Digital Native mehr als zwei Jahre für die Online- und Print-Ausgabe der Ruhr Nachrichten im Einsatz. Bei OSK arbeitet er als Online und Social Media-Redakteur, auf dem Agentur-Blog schreibt Carsten über den Medienwandel und Trends im Bereich Mobile und (Online-)Video. Privat verfolgt er Neuigkeiten in der Videospiel- und Gaming-Szene, schaut gerne Let’s-Plays auf YouTube und greift auch selbst zu Maus und Gamepad.

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