//Jugendforscher Simon Schnetzer über die Beweggründe der Generation Snapchat

Porträt Simon Schnetzer_400x400_mitCreditAls Jugendforscher hat Simon Schnetzer zahlreiche Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zum Thema Online-Kommunikation geführt. Für diesen Zweck initiierte er das Jugendforschungsprojekt „Junge Deutsche“, das sich auf das Verständnis der Lebens- und Arbeitswelten junger Menschen konzentriert. Schnetzer ist Experte für die Digitalisierung der Gesellschaft und ein wachsamer Beobachter des Netzes. Im Interview mit OSK gibt der Unternehmer, Speaker und Trainer Einblicke in die Generation Snapchat und ihre Beweggründe für die Nutzung der angesagten App.

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//Virtual Reality als Beweisstück im Journalismus

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Meterhohe Stahlwände, überall rot blinkende Schalter und Hebel, zu meiner Rechten ein abgrundtiefer Schacht – und es liegt in meinen Händen, die Welt vor einer nuklearen Katastrophe zu bewahren. Mit zittrigen Händen trage ich den atomaren Kern durch den Reaktorraum, um ihn zu sichern. Beinahe hätte ich ihn fallen lassen. Die Uhr tickt. Doch nach ein paar Minuten ist die Mission erfolgreich abgeschlossen. Ich atme tief durch, setze die VR-Brille ab, verlasse die Virtual Reality und kehre zurück in die Congress Hall der Koelnmesse.

Auf der Konferenz digility (22.–23. September) drehte sich zwei Tage lang alles um die virtuelle Realität. VR-Experten aus der ganzen Welt trafen sich in Köln, um sich über Virtual and Augmented Reality auszutauschen. Mich interessierte besonders ein Thema: Welche Chancen bietet diese Technologie dem Journalismus? Was muss geschehen, damit sie sich als Storytelling-Tool durchsetzt? Nachdem ich meine erste VR-Erfahrung hinter mich gebracht und die Welt gerettet hatte, war ich bereit, dieser Frage auf den Grund zu gehen. Denn über Virtual Reality zu schreiben, ohne es ausprobiert zu haben – das ist unmöglich.

Über Virtual Reality zu schreiben, ohne es ausprobiert zu haben – das ist unmöglich. via @OSK_Germany Click To Tweet

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//SEO-Experte Raphael Raue: „Suchmaschinen sind Brücken zum Nutzer“

Spiegel Online war nicht nur das erste Nachrichtenmagazin, das sich 1994 ins Netz wagte, die Seite zählt heute auch zu den reichweitenstärksten Portalen in Deutschland. Glaubt man Raphael Raue, ist es vor allem die journalistische Qualität, die die Seite so erfolgreich macht. Ganz unbeteiligt ist Raue jedoch auch nicht an den hohen Besucherzahlen: Er ist seit 2015 Head of SEO von Spiegel Online, hat der Seite eine neue mobile Struktur verpasst und den Launch von Bento begleitet, dem Jugendportal des Nachrichtenmagazins. „Wir wachsen, also muss einiges gut laufen“, beschreibt Raue die Arbeit seines Teams. Das ist, gelinde gesagt, leicht untertrieben. Nach Raues eigenen Angaben sind seit seinem Start bei Spiegel Online die Suchmaschinenzugriffe im ersten Jahr um 20 Prozent, im zweiten Jahr sogar um 25 Prozent gewachsen.

Bevor er zu Spiegel Online ging, hat der SEO-Experte bei der Rheinischen Post in Düsseldorf gearbeitet und der Seite ein rasantes Wachstum auf Google News verschafft. Zuvor baute er Websites, um sich das Philosophiestudium in Marburg zu finanzieren. Wenn er nicht über Code-Schnipseln brütet, dokumentiert Raue seine Umgebung mit der Kamera. Die Ergebnisse teilt er auf Instagram und auf seiner Website.

Im Interview mit OSK spricht Raphael Raue darüber, worin sich technisches und redaktionelles SEO unterscheiden, warum Journalisten wissen sollten, wie die Google-Suche funktioniert, und warum es sich nicht lohnt, bei jeder Gelegenheit „Eilmeldung!“ zu schreien.

Journalismus und Suchmaschinenoptimierung – wie hängen die beiden Bereiche zusammen?

Menschen nutzen Suchmaschinen, um eine bestimmte Information zu finden. Schafft der Journalismus es, diese Information zu liefern, kann er seine gesellschaftliche Rolle festigen: Er liefert Antworten. Außerdem kann Journalismus durch Suchmaschinenoptimierung neue Nutzer gewinnen und sich so finanzieren.

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Suchmaschinenoptimierung im Journalismus vereint klassisches SEO und redaktionelle Arbeit. SEO ist ein Marketinginstrument, mit dem die Sichtbarkeit bestimmter Produkte erhöht werden soll. Redaktionelles SEO leistet mehr. Es muss das Informationsinteresse der Suchenden befriedigen und die redaktionelle Verantwortung mittragen. Wir müssen beispielsweise verdeutlichen, wenn wir noch nicht viel über ein Thema wissen, auch wenn es gerade oft gesucht wird.

Es ist für die Suchmaschine beinahe unmöglich, bei mehreren Millionen indizierten Dokumenten immer das richtige auszuwählen.

Diese Aufgabe hört sich trivialer an, als sie ist, denn die Suchmaschine spuckt auch mal alte Texte aus, Übersichtsseiten, die gerade niemand auf dem Schirm hat, oder längst abgeschaltet geglaubte Bereiche. Es ist für die Suchmaschine beinahe unmöglich, bei mehreren Millionen indizierten Dokumenten immer das richtige auszuwählen. Aber im redaktionellen Umfeld fällt diese Aufgabe stärker ins Gewicht, da jedes einzelne Ergebnis immer auch Teil der Glaubwürdigkeit des gesamten journalistischen Produkts ist.

Inwiefern müssen sich Redakteure ebenfalls mit SEO beschäftigen? Sollten ihre Texte von Beginn an darauf ausgerichtet sein?

Das kommt auf die Größe und Struktur der Redaktion an. In einem kleinen Team, wo alle alles machen, ist es sicher wichtig, dass sich jeder mit SEO befasst. In einem großen Team, in dem mehr Spezialisten arbeiten, nicht unbedingt.

Ein gewisses Grundverständnis ist aber hilfreich. Suchmaschinen sind Mittler, sie sind die Brücken, über die Nutzer einen ersten Kontakt mit journalistischen Inhalten aufnehmen. Journalisten sollten wissen, wie Facebook seinen Newsfeed ausliefert – aber eben auch, welche Faktoren einen Einfluss auf das Ranking bei Google haben können. Alle drei Kanäle, Google, Facebook und die Startseite, erfordern verschiedene Formate und Erzählweisen. Nutzer, die eine Suchmaschine verwenden, haben andere Interessen als Nutzer, die gerade ein Facebookposting angeklickt haben. Diese Interessen sollten Redaktionen ernst nehmen.

Kein Journalist muss seine Artikel mehr mit Keywords spicken.

Das bedeutet aber nicht, dass Redakteure ihre Texte ausschließlich auf SEO trimmen sollten. Zumindest nicht, indem sie bestimmte Keywords ständig wiederholen oder über ein Thema schreiben, weil es häufig gesucht wird. Die Zeiten von Keyworddichte und Synonymrankings sind zum Glück vorbei. Google verbessert sich kontinuierlich. Das wichtigste Keyword eines Texts findet der Crawler zwar immer noch nicht von allein, aber kein Journalist muss seine Artikel mehr mit Keywords spicken. Generell gilt: Wer nichts zu einem Thema zu sagen hat, muss keinen Text dazu schreiben – fehlende inhaltliche Tiefe enttäuscht die Leser und sie verlassen die Website. So entsteht ein langfristiger Schaden.

In welche Richtung verändert sich Google und wie muss sich die technische Struktur beziehungsweise die Inhaltserstellung ändern, damit wichtiger Content Leser erreicht?

Google ändert sich ständig, und zwar rasant. Früher gab es vereinzelte, groß angekündigte Updates, mittlerweile testet und verbessert Google seine Suchmaschine am laufenden Band. Die eine Google-Suche gibt es aber gar nicht mehr: Seit dem vergangenen Jahr unterscheidet sich die mobile Suche von der auf dem Desktop. Und selbst für die Desktopsuche gilt: Verschiedene Bereiche sind unterschiedlich aufgebaut: Was sich in der Finanznische bewährt hat, funktioniert bei Reisesuchen noch lange nicht. Außerdem unterscheidet sich Google News grundlegend von den normalen Algorithmen.

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Grundsätzlich gilt aber: Eine Website muss sowohl für den Leser als auch für den Crawler verständlich sein. Sie muss schnell aufrufbar sein, sich aber auch leicht durchsuchen und vom Crawler indizieren lassen. Das ist nicht immer leicht: Der Crawler ist kein Mensch und versteht viele Dinge anders als wir. Das wird sich vermutlich auch erst mal nicht ändern.

 

Wie verändern sich die technischen Plattformen, die den Content-Strom und Traffic leiten? Inwiefern müssen sich Publisher-Seiten daran anpassen?

Da wir in einer unheimlich spannenden und bewegten Zeit leben, muss sich der Journalismus zwar nicht in seinen Grundfesten ändern, wohl aber in seiner Form. Das betrifft technische und kulturelle Aspekte: Twitter ist nicht gleich Facebook, Google nicht die eigene Website. Blendle ist nicht der Newsstand, auch wenn beide Bezahlinhalte anbieten. Journalisten müssen die Kultur der Plattformen verstehen, um Nutzer zu erreichen – und zwar in der Situation, in der sie sich gerade befinden. Die Tür aufzureißen, „Eilmeldung!“ zu brüllen und sie dann wieder zuzuschmeißen, ist sicher nie ein probates Mittel.

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Journalisten müssen die Kultur der Plattformen verstehen, um Nutzer zu erreichen.

Sie sind Head of SEO bei Spiegel Online. Gehen Sie also über alle Texte drüber und optimieren Sie sie für Google oder wie dürfen wir uns Ihre Aufgaben vorstellen?

Es gibt vier Aufgaben: technisches SEO, redaktionelles SEO, Schulungen durchführen und Redaktionen vernetzen. Ich bin für alles verantwortlich, den redaktionellen Teil betreut mein Team aber eigenständig. Das beinhaltet die Headlineoptimierung, Google News, den redaktionellen Kalender, Keywordrecherchen und Absprachen mit den Redakteuren. Ich helfe, wenn Technik und redaktionelles SEO ineinandergreifen.

SEO ist noch relativ neu bei Spiegel Online, daher wachsen wir noch. Ich übernehme den strategischen und technischen Teil und tausche mich regelmäßig mit Maximilian Rau aus, der den redaktionellen Teil koordiniert. So kann ich mich in die Probleme rund um Indexierung, Canonicals, Accelerated Mobile Pages und Webseitenarchitektur eingraben und dennoch sicher sein, dass wir aktuelle Themen besetzen und dort auch ranken.

Spiegel Online ist gewissermaßen eine SEO-Macht. Was machen Sie besser als andere?

Wir sind eines der führenden Onlineportale in Deutschland und auf allen Kanälen schon wegen unserer Inhalte gut aufgestellt. Da macht auch Google keine Ausnahme. Die Seite war schon vor dem Start des SEO-Teams stark. Sebastian Cario hat als externer Berater darauf geachtet, dass die Website die wichtigsten SEO-Grundlagen erfüllt. Zudem sind Links und Domain Trust, also die Vertrauenswürdigkeit einer Site, immer noch wahnsinnig wichtig – und die sammelt man eben mit herausragenden Inhalten.

SEO ist heute viel mehr, als Links zu sammeln.

Welche Rolle spielt der große Name „Spiegel Online“ bei der Auffindbarkeit der Inhalte?

Man müsste verdammt viel falsch machen, um die Sichtbarkeit von Spiegel Online auch nur um ein Viertel zu reduzieren. Aber optimale Auffindbarkeit ist nicht alles: Wir wollen die reine Sichtbarkeit in zufriedene und wiederkehrende Nutzer umwandeln.

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SEO ist heute viel mehr, als Links zu sammeln und den richtigen Title zu setzen. Nur Marken finden den Weg aus der Nische. Daher spielt der Name „Spiegel Online“ natürlich eine wichtige Rolle. Das Social-Media-Team hilft uns enorm, weil es unsere Marke noch bekannter macht. SEO ist eines von vielen digitalen Instrumenten. Erst wenn die einzelnen Instrumente zusammenarbeiten, können sie ihr volles Potenzial ausschöpfen.

Was sind die großen Trends in der Suchmaschinenoptimierung, vor allem für Medienpublisher?

Ich hatte Anfang des Jahres auf t3n orakelt, dass AMP und Mobile die wichtigsten SEO-Themen in diesem Jahr werden würden. Jetzt hat Google angekündigt, AMP nicht nur im News-Karussell, sondern auch in den normalen mobilen Suchergebnissen zum Einsatz kommen zu lassen. Das ist eine enorme SEO-Herausforderung. Auf einer mobilen Seite lässt sich schwieriger zeigen, wofür die Marke steht und was man noch zu bieten hat.

Roboter können dem Journalismus helfen.

Als Nächstes werden Automation, Artificial Intelligence und Machine Learning auf uns zukommen. Websites und die Kanäle, auf denen Inhalte stattfinden, werden immer komplexer. Wir brauchen also größere Teams in allen Bereichen. Und hier kommen die drei genannten Trends ins Spiel. Ich kann nicht mehr jeden Link händisch setzen, in jedem Bereich den nächsten interessanten Artikel auswählen, drei Homepages und unzählige Ressort- und Spezialseiten bestücken, die mobile Seite anders ausspielen als die App oder darauf achten, dass AMP genauso gut aussieht wie Instant Articles. Wir brauchen clevere Automation, um weiterhin überall dort zu sein, wo unsere Nutzer sind, und müssen anfangen, Aufgaben abzugeben. Roboter können dem Journalismus helfen, diese Aufgaben zu meistern. Wir müssen noch herausfinden, wo Roboter sich am besten einsetzen lassen. Das wird sicher nicht ganz einfach, aber ich denke, dass es sich lohnt. Der Einsatz von Robotern wird meines Erachtens auch dazu führen, dass wir mehr und bessere Ergebnisse liefern und so die Bounceraten schrumpfen lassen.

Bei dem jungen SPON-Ableger Bento spielen Social Media eine große Rolle. Wird Social irgendwann wichtiger als SEO?

Da bin ich natürlich etwas voreingenommen, aber ich denke nicht, dass Social wichtiger für Nachrichtenseiten wird als SEO. Auf Google suchen Menschen nach Informationen. Die finden sie auf Nachrichtenseiten. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Menschen irgendwann aufhören zu suchen. Vielleicht suchen sie nicht mehr in klassischen Suchmaschinen, sondern auf Facebook, dann machen wir eben SEO auf Facebook. Wenn die irgendwann eine richtige Suche einführen, die Menschen auch benutzen, wird genau das passieren. Dann machen wir SEO auf Social.

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Bento ist nicht ganz so nachrichtlich ausgerichtet wie Spiegel Online. Deshalb ist Social dort wichtiger. Nicht weil die nur Quatsch machen, im Gegenteil, die großen Medienmarken haben auch auf Facebook viele Fans. Aber das Grundbedürfnis dort ist es nicht, Informationen zu finden, sondern sich eben mehr oder weniger sinnvoll die Zeit zu vertreiben, Spaß zu haben und sich mit anderen zu vernetzen. Aber auch bei Google kann man Spaß haben und auf Facebook findet man Informationen. Im Endeffekt muss man erkennen, wo Inhalte am besten funktionieren. Und wenn ich in der Breite der Gesellschaft relevant sein möchte, dann muss ich auf meiner Website, in Google und auf Facebook funktionieren. Richte ich mich an eine spezielle Zielgruppe, muss ich eben Marktforschung betreiben, um herauszufinden, welche Kanäle relevant sind.

Wir drehen uns häufig zu sehr um uns selbst.

Die Frage, ob SEO oder Social wichtiger ist, interessiert doch im Endeffekt nur Medienmenschen selbst, aber nicht den Nutzer. Der nutzt eben, was ihm gerade im Moment sinnvoll, verfügbar, bequem oder interessant erscheint. Wir drehen uns häufig auch ein bisschen zu sehr um uns selbst und da erscheint Social eben immer wichtiger. Die Wahrheit ist aber doch, dass es schon sehr lange sehr wichtig war, Medienmenschen es aber jetzt erst für sich entdeckt haben. Google ist schon länger unser digitaler Begleiter, wir haben uns eben schon an ihn gewöhnt.

Wie sehen die News der Zukunft aus – vom Inhalt bis zum technischen Aspekt?

Das unheimlich Spannende an unserer Zeit ist doch, dass dies niemand wirklich sagen kann.

 

//Rocket Beans – die Revolution des Fernsehens?

Fünf nicht mehr ganz junge Erwachsene sitzen an einem Tisch und spielen ein Spiel mit Stift und Papier, in dem sie fiktive Charaktere einnehmen. Das Besondere an der Sache? 40.000 Menschen schauen zu. Und zwar live. Rocket Beans TV – kurz: RBTV – befindet sich auch anderthalb Jahre nach dem Start noch auf Erfolgskurs. Zehntausende schalten täglich auf dem Videoportal Twitch oder der hauseigenen Seite zu, auf YouTube erreichen die Videos weitere Hunderttausende. Seit Ende Mai übernehmen die Bohnen, wie sie sich nennen, außerdem täglich dreieinhalb Stunden Sendezeit von RTL II You, dem jungen Digitalportal der RTL-Gruppe. Der Schritt, der unter hartgesottenen Fans durchaus umstritten ist, ermöglicht es dem Unternehmen, eine noch größere Zuschauergruppe zu erreichen.

Wir haben mit Nils Bomhoff aus dem Rocket-Beans-Team gesprochen und uns erklären lassen, wie echte Interaktion mit dem Zuschauer aussieht, was er vom klassischen Fernsehen hält und wie sich Branded Content ehrlich verkaufen lässt. Was wir dabei gelernt haben: Der Online-Sender hat den Nerd neu definiert. Und ganz nebenbei das lineare Fernsehen revolutioniert.

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//Roboterjournalismus – ist die Maschine Feind oder Freund des Redakteurs?

Roboterjournalismus Titel

Montagmorgen, 10:30 Uhr.  Die Redaktionsrunde versammelt sich um den großen Tisch im Konferenzraum. Für den kommenden Tag gibt es viele neue Themen. Der Chefredakteur nimmt einen letzten Schluck aus seiner Kaffeetasse und eröffnet die Runde. 15 blankpolierte Roboterjournalisten funkeln mit ihren roten Roboteraugen und spitzen aufmerksam die Roboterohren. „R2000, Wetterbericht. R2001, Börse. R2002, Bundesliga.“ Beep, beep. Schon tippen sie mit flinken Roboterfingern los. Roboterjournalismus!

Dieses Szenario ist natürlich frei erfunden. Reine Zukunftsmusik ist es jedoch nicht, wobei der Begriff „Roboter“ nicht wortwörtlich genommen werden sollte. Schon heute werden Texte vollautomatisch ohne menschliches Zutun geschrieben. Semantisches Publizieren, das in den Medien oftmals unter dem Begriff „Roboterjournalismus“ auftaucht, ist das Zauberwort. Experten weltweit sind sich einig: Schreibende Software hat das Potenzial, sich langfristig in der Medienlandschaft zu etablieren.

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//Zurück zu den Anfängen. Alles Retro – auch beim Bloggen?

Retro ist in. Die Rückkehr zum Haptischen, dem „Echten“, erlebt einen regelrechten Kult. Zwar hat die Digitalkamera nicht ausgedient, doch schwören Fotografen zunehmend auf die Magie von Belichtungsfilm und Dunkelkammer. Und natürlich essen wir gerne exotische Südfrüchte, viele Menschen greifen aber zunehmend auf regionale, saisonale Kost aus heimischen Gärten zurück. Weniger Schischi, mehr Genuss. Auch in der Bloggerszene ist eine Entwicklung hin zu mehr Authentizität zu beobachten. Geht es nun auch im Netz back to the roots? Gar so weit, dass Blogs als Teil des modernen Internets aussterben?

Sonny-Abesamis Foto: Sonny Abesamis

Die Entwicklung bei Bloggern

Wie aber könnte eine solche Rückkehr zu den Wurzeln aussehen? Schauen wir uns dafür den Ursprung von Blogs an. Bereits in der Mitte der 1990er-Jahre tauchten sie, damals noch vereinzelt, als Weblogs in Form von Tagebüchern im Netz auf. Über die Jahre ist ihre Zahl rasant angestiegen. So existierten laut Statista im Dezember 2015 über 266 Millionen Blogs allein auf der Plattform Tumblr. In der schieren Masse wabert auch viel Uninteressantes. Geblieben aber ist der gute Ruf der Blogs aus ihren frühen Anfangstagen als authentisches Medium.

Seit Mitte 2015 lässt sich das sogenannte „Slow Blogging“ beobachten, das eine Gegenstimme zur schieren Masse und zurück zur Authentizität bildet: seltener, dafür aber hochwertig bloggen. Slow Blogging stellt also Qualität über Quantität. Gut so! Vielleicht befreit uns das ja von minütlich in Social-Media-Feeds auftauchenden Mittagessen-Fotos und Kosmetiktests. Blogbeiträge sollen seltener und mit nützlicherem Inhalt gepostet werden. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich: So werden die sozialen Netzwerke täglich mit Content überschwemmt. Oder wie es die US-Bloggerin Amy Lynn Andrews sagt:

“Ich schätze Simplizität in meinem eigenen Leben. Je mehr ich online bin, desto komplizierter fühlt es sich an. Da gibt es einfach zu viel – zu viele Grafiken, zu viele Apps, zu viel Auswahl, zu viel Werbung, zu viele Social-Media-Optionen. Da ist zu viel Wetteifern um unsere Aufmerksamkeit.”

“I appreciate simplicity in my own life. The more I’m online, the more complicated it feels. There’s just too much – too many graphics, too many apps, too many choices, too many ads, too many social media options. There’s too much vying for our attention.”

Nicole-LeecFoto: Nicole Leec

Schlechter Content wird abgestraft

In der schieren Flut an Content finden sich leider nicht nur Perlen. Einige der geposteten Beiträge sind voller Binsenweisheiten, halten nicht, was ihre reißerischen Überschriften versprechen, oder es wurde vorab nicht gewissenhaft recherchiert. User erkennen solchen „Trash-Content“ und strafen ihn durch Nichtbeachtung oder negatives Feedback ab. Durch Slow Blogging wird die Gefahr, derartigen Content zu erzeugen, vermindert. Die Blogger-Community erinnert sich an ihre Ursprünge und kehrt zu diesen zurück – Retro in Reinform.

Die Entschleunigung kann aber auch persönliche Gründe haben: weniger Zeit oder weniger Lust, so ehrlich muss man auch sein. Nicht viele Blogger halten es durch, jahrelang hochwertigen Content zu liefern. Oft spielt hier die Frustration mit hinein, wenn der schnelle Erfolg, der in der Szene manchmal versprochen wird, ausbleibt. Daher noch ein Tipp von Bloggerin Andrews:

“Beobachte, hör zu und antworte – den Menschen, nicht den Gurus.”

“Observe, listen and respond – to the people, not the gurus.”

Slow Blogging ist also eine Hinwendung zu mehr Qualität und gleichzeitig eine Entrümpelung des Newsfeeds. Bedeutet das ein Verschwinden von Blogs? Nein. Doch einen weiteren wichtigen Wandel sollten wir in diesem Zusammenhang nicht außer Acht lassen.

Mobile Content im Fokus

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Mehr als jeder zweite User greift laut einer Onlinestudie von ARD und ZDF mittlerweile über das Smartphone bzw. über das Tablet auf das Netz zu. Erstmals bewegen sich damit mehr Menschen mobil im Internet als am PC. Auch das ist eine Art Rückkehr zu praktischen Gewohnheiten: 2006 war es die Kompaktausgabe der Tageszeitung, mit der wir uns in der S-Bahn, beim Warten auf den Bus oder in der Kaffeepause beschäftigt haben. Heute zücken wir Smartphone oder Tablet und klicken uns durch die bunte Welt der Blogs. Diese Entwicklungen sind ein Teil der digitalen Transformation, wie Michael Kroker sie beschreibt: mehr Technik, die jedoch nicht zwangsläufig zu mehr Zufriedenheit führt.

Statische Seiten haben keine Chance mehr. Wer heute kein auf mobile Lösungen zugeschnittenes Blogdesign anbietet, hat im Wettbewerb schlechte Karten und verliert mehr als 30 Prozent seiner potenziellen Kunden.

Der Gigant Google reagiert bereits: Ende Februar 2016 stellt der Konzern seine neue Technologie Accelerated Mobile Pages vor. Mit ihr soll das mobile Surfen beschleunigt werden. Auch Facebook hält das Tempo mit den Instant Articles, genau wie Apple News. Das klingt zwar technisch alles andere als Retro. Doch das Ziel ist letztendlich, sich den Bedürfnissen des Users anzupassen. Und der will mehr (mobile) Freiheit wie anno 2006.

Besseres SEO und der Umgang mit Medien

Die Sehnsucht nach Retro-Blogging spiegelt sich auch im SEO-Bereich wider. Während es früher genügte, mit Keyword-Dropping zu einer eilig zusammengeschusterten Landingpage zu locken, muss Suchmaschinenoptimierung heute klüger umgesetzt werden. Zu diesen Zeiten will natürlich niemand zurückkehren, und das ist auch nicht mit Retro gemeint, sondern die bedachte und den User im Blick behaltende Umsetzung von SEO.

Dennoch muss dringend ein Umdenken bei Bloggern in Richtung Wertschöpfung stattfinden. Denn in einem guten Beitrag stecken locker acht bis zehn Stunden Arbeit. Lösungen wie Laterpay oder Blendle sind gute Ansätze in die richtige Richtung. Natürlich ist dabei auch die Absicht hinter dem Blog entscheidend: Will man mit wertigen Artikeln neue Kunden anziehen oder eine breite Leserschaft aufbauen? Sollen die Beiträge für sich stehen oder sind sie Mittel zum Zweck? Kurzum: Blogger tun gut daran, ihre Content-Marketing-Strategie regelmäßig zu überprüfen.

Grundsätzlich sollte aber darauf geachtet werden, die Entwicklungen der Gegenwart nicht zu verschlafen. Von einem „Blogsterben“ kann aber absolut nicht die Rede sein, im Gegenteil: Blogs sind inzwischen auch in den Redaktionen klassischer Medien angekommen. Wenn ein Blog nicht funktioniert, ist das oft auch der Nachlässigkeit in Bezug auf technische Fortschritte zuzuschreiben.

Ziehen Blogger bald den Stecker?

Die Abwendung von Technik im Allgemeinen, die Distanzierung von plattem SEO sowie die schleichende Loslösung vom PC als erster Anlaufstelle für den Internetzugang könnten zu der These verleiten, dass Blogs im Retro-Trend aus der Mode kommen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Während die sogenannten etablierten Medien verzweifelt versuchen, mit der rasanten Entwicklung Schritt zu halten, steigt das Ansehen von Blogs – gelten sie doch nach wie vor als unabhängig, nah an der Zielgruppe und authentisch.

Dennoch darf nicht verschwiegen werden, dass es in der Blogger-Welt nach wie vor massive Qualitätsunterschiede gibt. Während bei professionellen Redaktionen Inhalte geprüft und redigiert werden, kann jeder einen Blog eröffnen. Blogger tun daher gut daran, journalistisch zu arbeiten – gründliche Recherche inklusive. Damit Beiträge wirklich ansprechend sind, sollten Publisher sich außerdem mit Storytelling und Storyscaping vertraut machen.

Genau diese bodenständige Wertigkeit drückt sich auch in der Reduktion von (unnützer!) Technik aus. Weniger Materielles, um das man sich kümmern muss, das Zeit und Geld kostet. Ein Leben, das mehr den eigenen Bedürfnissen entspricht. Und zu guter Letzt das Echte, das Wahre, nach dem sich Minimalisten ebenso sehnen wie der gespannt auf die Entwicklung wartende Dunkelkammer-Fotograf oder der Ernährungsbewusste. Und auch die User schätzen nach wie vor authentische Blogger.

Rückkehr zum Fundament

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Damit Weblogs im Jahr 2016 eine solide Performance hinlegen, müssen sie dauerhaft gute Inhalte liefern und diese Inhalte zudem für das mobile Surfen attraktiv gestalten.

Haben Blogs damit ein Stück von ihrer Leichtigkeit und Freiheit verloren? Nicht unbedingt.

Diese Tipps helfen Blogs im Jahr 2016:

  • Die Grundidee von Slow Blogging unterstützen: weniger, dafür qualitativ sehr hochwertigen Content schaffen
  • mobiles Webdesign anbieten, um nicht den Anschluss zum dynamischen Nutzerverhaltenen zu verlieren
  • SEO wertig und zeitgemäß praktizieren, d. h.: Kein Keyword-Dropping und den Fokus auf neue Entwicklungen wie Voice Search und Direct Answers legen
  • Features entrümpeln. Im Ernst, niemand braucht 2016 noch Newsletter-Popups – egal, was andere Blogger erzählen, es nervt, und zwar gewaltig
  • mehr Selbstbewusstsein: Blogger haben in den letzten Jahren stark an Einfluss und Reputation gewonnen. Voraussetzung für ein selbstbewusstes, professionelles Auftreten ist natürlich, dass der Blog hochwertigen Content bietet
  • über Monetarisierung nachdenken (z. B. Abonnements, Zusatzinhalte etc.): Ja, Blogbeiträge dürfen etwas kosten!

Fazit

Blogs können sich dem Retro-Trend nicht entziehen. Und das ist gut so, denn von dieser Entwicklung geht keine Bedrohung, sondern eine Chance aus. Die Chance darauf, den Ruf als authentisches Medium nicht in Form belangloser Content-Schleudern zu verlieren, sondern stattdessen als ernstzunehmende Formate die Weblandschaft zu bereichern.

// Über den Gastautor

© Lydia RechBenjamin Brückner arbeitet als Schriftsteller, Blogger und Texter. Nach Tätigkeiten in diversen Hörfunk- und Fernsehredaktionen veröffentlichte er bisher zwei Bücher: “Russenstern”, ein Kurzgeschichtenband, und das “Akademische Viertel”, ein satirischer Studenten-Ratgeber. Auf seinem eigenen Blog verfasst er regelmäßig Rezensionen, Lesetipps und Analysen zu gesellschaftlichen Themen. Privat interessiert Benjamin sich für Philosophie, Geschichte, Sport, digitale Entwicklungen und natürlich für kreatives Schreiben. Für den OSK-Blog schreibt der 29-Jährige als Gast-Autor über aktuelle Internettrends, die Digitalisierung und die Medienbranche.

//Perspective Daily – der nächste Schritt im Journalismus?

Perspective Daily ist eine neue journalistische Plattform, die derzeit durch die Medienlandschaft geistert. Mit einigen aufmerksamkeitsstarken Auftritten, z.B. in der Talkshow „Schulz und Böhmermann“, werben die Macher um Unterstützung für ihre Sache. David Korte hat sich mit Dr. Maren Urner und Han Langeslag aus dem Gründungsteam von Perspective Daily getroffen und sie zu ihrem Vorhaben befragt.

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//Facebook Live und Periscope – Livestreaming im Journalismus

Der G7-Gipfel in Bayern steht bevor. Vorher kündigen Gegner eine Demonstration gegen das Treffen von Angela Merkel, Barack Obama und Co. an. Für die Live-Übertragung braucht es ein Kamera-Team mit mehreren Personen sowie einen Übertragungswagen. Der Aufwand ist groß. Zumindest im Normalfall.

Martin Heller, Head of Video bei WeltN24, war im Juni 2015 ebenfalls vor Ort. Sein Ziel: Live-Bilder zu produzieren und damit Kanäle im Web zu bespielen – allerdings als One-Man-Show. Das einzige, was er dafür brauchte, waren sein Smartphone und die Livestreaming-App Periscope. Kamera draufhalten, App öffnen, und mit einem Klick ist der Webvideo-Experte live. Neben Periscope arbeitet WeltN24 auch mit Facebook Live, dem Livestreaming-Dienst von Facebook. Martin Heller hat uns erklärt, wie WeltN24 beide Apps für die journalistische Berichterstattung einsetzt. Wir erklären am Ende außerdem, welche Folgerungen Marken daraus für sich ziehen können.

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//Authentizität und Mut zu Experimenten – Wie VICE News ein Millionen-Publikum erreicht

Digitalisierung und neue Technologien haben den Journalismus heftig durchgeschüttelt. Die Medienwelt befindet sich im Umbruch. Ein Patentrezept, wie Journalismus in Zukunft aussehen und profitabel funktionieren wird, ist noch nicht gefunden. Das hat auch die OSK-Interviewreihe zur Zukunft des Journalismus gezeigt. Aber es gibt Beispiele für erfolgreiche Ansätze – etwa den von VICE News. Sterling Proffer, seit 2014 Geschäftsführer von VICE News, und Kevin Sutcliffe, der 2013 als Leiter des Nachrichtenprogramms zu VICE News stieß, haben erkannt, was nötig ist, um online im Nachrichten-Sektor ein großes Publikum anzusprechen.

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//“Generation Snapchat” – aus dem digitalen Alltag eines Teenagers

Über die Messenger-App Snapchat war in den vergangenen Wochen und Monaten im Netz einiges zu lesen. Vor allem bei Jugendlichen ist die Anwendung mit dem Geist-Logo beliebt. Daher hoffen viele Content-Anbieter, über Snapchat eine jüngere Zielgruppe zu erreichen, an die sie bisher nicht rangekommen sind. Doch warum die App so anziehend für Teenager ist und wie sie eigentlich genau funktioniert, ist noch immer vielen unklar. Auch wir haben noch einige offene Fragen, was Snapchat angeht. Und wer könnte diese besser beantworten, als jemand, für den Snapchat zum Alltag dazugehört? In Bentes Leben spielt der Dienst jeden Tag eine Rolle. Die 16-Jährige macht derzeit ein zweiwöchiges Praktikum in unserer Agentur. OSK-Autorin Friederike Pater hat die Gelegenheit genutzt, um sich von Bente erklären zu lassen, wie sie und ihre Freunde Snapchat nutzen und was den Messenger so angesagt macht.  

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